Zinnstreifen am Oberlabium von Holzpfeifen

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stummorgel
Beiträge: 72
Registriert: Donnerstag 24. Mai 2012, 07:16

Zinnstreifen am Oberlabium von Holzpfeifen

Beitrag von stummorgel »

Hallo!

Während meiner Beschäftigung mit Orgelbauern des 19. Jh. kam mir hier und da auch mal das Kuriosum vor, daß man die tiefe Oktave von 8'-Registern gern aus Holz baute (Kostenfaktor im wirtschaftlich präkeren 19. Jh), dann aber Zinnstreifen auf das Oberlabium klebte oder auch "einschiebbar" gestaltete. Angeblich soll man keinen Unterschied zu metallenen Pfeifen hören. Ich bin da skeptisch, dann dazu müßte der Pfeifenkörper schon recht dünn in der Wandung sein, Resonanz, und dennoch bliebe eine Dämpfung durch das Holz zurück.
Auf jeden Fall scheint das häufiger praktiziert werden zu sein. Sogar bei gedeckten, tiefen Oktaven!

Hat jemand ähnliches gesehen?

Ich werde es mal an Probepfeifen testen und Aufnahmen anfertigen.
Voceumana
Beiträge: 80
Registriert: Mittwoch 9. Juli 2014, 19:45

Re: Zinnstreifen am Oberlabium von Holzpfeifen

Beitrag von Voceumana »

Ich habe einen Neubau begleitet. Beide Streicher, Gambe und Salicional wurden ab C gebaut. C-H wurden aus Holz offen gebaut. Holzpfeile nicht kann man, wenn das Gehäuse zu niedrig ist, kröpfen, einfach mit der Gehrungssäge. Um den Übergang H-c zu kaschieren, wurde die Mensur C-H 2HT enger gewählt. Hat geklappt und überzeugt.

Der Zinnstreifen erscheint mir eine Art Hilfe beim Intonieren zu sein. Metall biegt sich leichter als Holz hin und ggf. wieder zurück, wenn der Orgelbauer das noch üben muss..., warum sollte er eine potenzielle Klapperstelle mit Vibrationsübertragung aus dem ganzen Werk in so viele Stellen bauen?

Ein gedeckter Streicher aus Holz in der Romantik, das ist selbst bei kleinsten Dorforgeln nicht wirklich üblich gewesen und echt ein Kuriosum schon als solches. Normal war doch, dass man selbst in Notzeiten den Salicional eben aus Zink in die große Octave gebaut hat, aber eben offen und ggf. zur Seite weggebogen, sieht man ja oft aus dem Kirchenschiff.
violdigamb
Beiträge: 57
Registriert: Montag 23. Februar 2015, 11:53

Re: Zinnstreifen am Oberlabium von Holzpfeifen

Beitrag von violdigamb »

Hallo stummorgel!

Handelt es sich bei den aufgeleimten Zinnstreifen um Originalsubstanz? Das Aufleimen von Metall auf die Oberlabien wurde bei Umbauten vorhandener Instrumente oder Weiterverwendung älterer Substanz bei Neubauten im 20. Jh. gelegentlich praktiziert, um die Aufschnitthöhe zu verringern. Auch halbrunde Aufschnitte hölzerner Pfeifen der Romantik wurden gerne derart verändert, um einen dem Geschmack des 20. Jhs. besser entsprechenden Klang zu erzielen. Vielleicht ist das auch bei der von Dir beschriebenen Orgel der Fall.

Viele Grüße,

violdigamb
stummorgel
Beiträge: 72
Registriert: Donnerstag 24. Mai 2012, 07:16

Re: Zinnstreifen am Oberlabium von Holzpfeifen

Beitrag von stummorgel »

Hallo, violdigamb!

(Habe eine solche, original erhalten, in meiner Stummorgel, himmlisch)

Nein, es handelt sich um die Erweiterung einer romantischen Orgel. Johann Schlaad, z.B., hat ganz gerne in den tiefen Oktaven, z.B. bei Salicional oder Oktavbaß, Zinnstreifen auf die hölzernen Oberlabien geleimt. In diesem Fall offene Pfeifen.
Teils aber auch bei gedeckten praktiziert.
In einigen Fällen hat er die Zinnstreifen "einschiebbar" gestaltet.

Nach ersten Versuchen ist die Sache wirklich erfolgreich, bei offenen, wohlgemerkt. Voraussetzung ist aber, daß das hölzerne Oberlabien grundsätzlich höher aufgeschnitten ist als schlußendlich mittels Zinnstreifen. Ansonsten habe ich nur eine "Verdickung" der Oberlabiumskante, was klanglich sehr stört.
Notwendig wird dann aber eine Ansprachehilfe, es reicht ein Zinnstreifen im Vorschlag. Bei Stumm Ende 6. Generation habe ich das schon mehrmals gesehen, vor allem bei den tiefsten, aus Holz gefertigten Pfeifen im Principal 8'. Hier meist als innenlabiierte Pfeife, dann mit Ansprachehilfe, auch recht wirkungsvoll.

In meinem Fall geht es darum, das Pedal authentisch um ein Register zu erweitern.
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