Lübeck - Erhaltung oder Neubau

Diskussionen rund um Orgelneubau, Orgelrestauration, Register, Technik, usw.
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Lübeck - Erhaltung oder Neubau

Beitrag von Administrator »

Hallo liebe Orgelfreunde,

wie ist Eure Meinung zum Lübecker "Orgel-Kampf"?
Erhaltung der Kemper-Orgel oder ein Neubau?

http://st-marien-luebeck.org/
Herzliche Grüße

Daniel
(Admin)
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kernspalter
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Re: Lübeck - Erhaltung oder Neubau

Beitrag von kernspalter »

Erhaltung der Kemper-Orgel oder ein Neubau?
Das weiß ich nicht, ich kenne die Orgel nicht.

Es wäre auf jeden Fall sinnvoll, wenn beide Seiten ihre Argumente und Schlagworte überprüfen würden.

Als "größte Orgel der Welt mit mechanischer Traktur" gilt eigentlich die Grüneberg-Orgel in Liepāja (Libau):
https://de.wikipedia.org/wiki/Orgel_der ... ep%C4%81ja
Mit kernspalterischen Grüßen
DenkDirBass 6 2/5'
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Re: Lübeck - Erhaltung oder Neubau

Beitrag von DenkDirBass 6 2/5' »

Lieber Daniel, liebe Mitforianer,

ersteinmal bin ich gegen einen Neubau. Das Gutachten des KMD Petersen hat etwas von Jammern auf hohem und höchstem Niveau. Sicher die große Orgel mag ihre Schwachstellen und etwas schwergängige Trakturen haben. Doch den Musizierenden stehen in dieser Kirche mit der Totentanzorgel und der Hauptorgel Instrumente zur Verfügung, nach denen sich viele meiner Bekannten alle (ohne fremde Hilfe) erreichbaren Stellen des Körpers lecken würden. Auch habe ich bereits das Instrument mal probieren dürfen und auf so manchem Dorf schwergängigere Orgeln erlebt. Das Orgeln nach fünzig Jahren Dienstzeit einmal komplett auseinander gebaut und dabei gereinigt, ergänzt und verbessert werden sollten, sollte gerade Orgelsachverständigen normal vorkommen.

Zumal: das gewünschte Doppelorgelkonzept von symphonisch und vor-Bach-Barock ist a: kein Novum und b: in der keinen halben Kilometer entfernten Jacobikirche bereits existent.

Das (Gegen-)gutachten des Orgelbauers spricht von durchaus ausreichend Platz für mögliche Ergänzungen, um den bekannten Mängeln abzuhelfen. Angesichts der Größe der Kirche und Vergleichen mit ähnlich großen Kirchen würde ich ja für eine deutsch/englische Auxiliar-/Fernorgel (mit HD) in Altarnähe plädieren, wenn man nicht gar die zwei vorhandenen Orgeln in einem Generalspieltisch zusammenführen will. Auch der mechanischen Schwergängigkeit kann abgeholfen werden, so man will.

Von den eingesparten Mitteln könnte man vermutlich zwanzig bis dreißig vernachlässigte Dorforgeln wieder aufmöbeln ...

Trotzdem: Natürlich ist der Wunsch nach einem für das eigene musikalische Wirken maßgeschneiderten Instrument verständlich. Zudem sollte die Grundsatzdiskussion: „Ist das (schon) Denkmal, oder darf das (auch irgendwann mal) weg?“ geführt werden dürfen. Da nahezu alle Orgelemporen in Deutschland belegt sind, muss zwangsläufig eine Orgel weichen, wenn ein großer Neubau gewünscht ist. Und zwangsläufig ist nicht jede Orgel völlig unspielbar, bevor sich die Organisten ein neues Instrument herbeiwünschen ...
Ich sehe die sich in diesem Zusammenhang vor allem im kirchlichen Bereich breitmachende Mentalität, alles noch halbwegs Funktionierende unter dem Motto: „Das ist doch noch so gut.“ erhalten zu wollen und somit Neuanschaffungen zu blockieren (selbst wenn es sich um so grundlegende Dinge wie Licht- und Sanitäranlagen oder Kaffeemaschinen handelt), zunehmend problematisch. Deshalb verstehe ich auch, dass zuweilen der Zustand einer Orgel (oder anderen Gegenständen) etwas dramatisiert wird, um eine Zustandsänderung zu erreichen ...

Hat jemand von euch vieleicht Neuigkeiten beizusteuern? Ich bin gespannt!

Liebe vorsommerliche Grüße

Konrad
kernspalter
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Re: Lübeck - Erhaltung oder Neubau

Beitrag von kernspalter »

DenkDirBass 6 2/5' hat geschrieben: Samstag 5. Juni 2021, 23:41 Das (Gegen-)gutachten des Orgelbauers spricht von durchaus ausreichend Platz für mögliche Ergänzungen, um den bekannten Mängeln abzuhelfen.
Da stellt sich mir dann die Frage: Wenn das Instrument so mangelhaft ist, daß eine Restaurierung ohne "Ergänzungen" nicht sinnvoll erscheint, ist es dann wirklich angebracht, es um jeden Preis erhalten zu wollen?
Mit kernspalterischen Grüßen
DenkDirBass 6 2/5'
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Re: Lübeck - Erhaltung oder Neubau

Beitrag von DenkDirBass 6 2/5' »

Lieber Kernspalter,

es gibt da ein Sprichtwort: Wo kein Wille ist, ist auch kein Weg.

Der Tenor der doch scheinbar sehr emotionalen Debatte ist meiner Meinung nach:
Seite A möchte unbedingt eine neue große Orgel, weshalb der alten Orgel ausweglose Schrottreife diagnostiziert wird.
Seite B möchte die alte Orgel erhalten, wobei unter Wahrung der ursprünglichen Klangaussage Ergänzungen und Umstrukturierungen sowohl moralisch gebilligt als auch technisch möglich wären. Dieser Weg wäre auch deutlich deutlich weniger kostenintensiv.

Wenn Seite A jedoch von vornherein gesagt hätte: Wir wollen eine NEUE Orgel und es ist uns egal, was das kostet und was aus der alten Orgel wird, wäre die Ausgangslage der Debatte sowohl ehrlicher als auch fruchtbarer gewesen.

So führen beide Seiten eine Scheindebatte, die nicht Wünsche an und Beweggründe für eine neue Orgel eruiert (beziehungsweise was davon die alte Orgel nicht befriedigen kann), sondern -zum Teil behebbare- Mängel der alten Orgel in den Fokus rückt.

Und wie so häufig bei Kirchens kocht der Streit erst richtig hoch, wenn alle Entscheidungsstellen bereits grünes Licht gegeben haben ...
kernbeißer
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Re: Lübeck - Erhaltung oder Neubau

Beitrag von kernbeißer »

Vielleicht sollte man es so machen wie in Mannheim Christuskirche, St. Stephan in Wien oder Bühl/Baden:

Die alte Orgel so stehen lassen wie sie ist, eine neue Orgel an einem anderen Ort einbauen und die Zeit für sich arbeiten lassen. In 20, 40 oder 80 Jahren ist die Sicht auf viele Dinge anders und weniger emotional geleitet und man schätzt Werte, die heute nicht mehr en vogue sind dann eventuell wieder. Dann ist man froh, wenn ein solches Instrument, wenn auch vernachlässigt und nicht spielbar - aber in seiner Kernsubstanz doch noch erhalten ist.

Ein Weg, um nicht als "Bilderstürmer" irgendwann an den Pranger gestellt zu werden und das Urteil nachfolgender Generationen zu mildern.
kernspalter
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Re: Lübeck - Erhaltung oder Neubau

Beitrag von kernspalter »

Auch die Dubois-Orgel in Wissembourg und die Behmann-Orgel in Dornbirn wurden so gerettet:

https://de.wikipedia.org/wiki/St._Peter ... urg)#Orgel
https://de.wikipedia.org/wiki/Pfarrkirc ... tin#Orgeln
Mit kernspalterischen Grüßen
kernbeißer
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Re: Lübeck - Erhaltung oder Neubau

Beitrag von kernbeißer »

Zum Glück blieb die Behmann-Orgel in Dornbirn ohne gravierende Veränderung erhalten.

Letztes Jahr im Herbst durfte ich dort noch ein wahnsinns Konzerterlebnis genießen.

Eine wirklich großartige Orgel mit immensen klanglichen Möglichkeiten.

Vielleicht wirklich nicht die schlechteste Lösung eine Stillegung und einfach eine Generation später neue Gedanken wirken zu lassen.
DenkDirBass 6 2/5'
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Re: Lübeck - Erhaltung oder Neubau

Beitrag von DenkDirBass 6 2/5' »

Auch ich kann mich für den Gedanken erwärmen, zumal in dieser großen Kirche noch wahrlich genug Platz ist.

Außerdem soll bei solchen überlangen Kirchen das Westende gar nicht der akustisch günstigste Platz für eine Orgel sein ...

Und wenn man schon dabei ist eine Buxtehudeorgel rekonstruieren/ nachempfinden zu wollen, sollte man auch den Lettner mitsamt dessen Orgel nicht vergessen. Davon lese ich nämlich nichts in den Plänen des Orgelsachverständigen. Doch das nur als nachgeschobenen Kritikpunkt an die Bilderstürmer.
kernbeißer
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Re: Lübeck - Erhaltung oder Neubau

Beitrag von kernbeißer »

Ob der Denkmalschutz einem Wiederaufbau einer Chorschranke wohl je zustimmen würde und ob die Sichtachse der Kirche dadurch nicht zu sehr beeinträchtigt würde - also da bin ich skeptisch.

Denkbar wäre in meinen Augen eine zweiteilige Orgelanlage, etwa mittig in den Bögen zum Seitenschiff. Im Kölner Dom wurde ein Schwalbennest realisiert, was sich ja auch an historischen Vorbildern orientiert (siehe Straßburger Münster). Sicherlich gibt es da Möglichkeiten, die es abzuwägen gilt und was aufgrund denkmalschutzrechtlicher Gründe auch möglich ist.
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