Orgel in der digitalen Welt - Orgel digital

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Orgel in der digitalen Welt - Orgel digital

Beitrag von Administrator »

Hallo zusammen.

in dem Artikel https://www.ekd.de/experimente-zwischen ... -62682.htm wird auf die vielen Möglichkeiten der Digitalisierung im Bereich der Orgel aufmerksam gemacht. Mich würde mal Eure Meinung dazu interessieren.

Ist Digitalisierung wirklich ein Fortschritt? Ist eine digitalisierte Orgel noch eine "Orgel" oder schon etwas Neues? Für viele Menschen ist mit "Orgel" ja eine Pfeifenorgel gemeint.
Sind digitale Ergänzungen wirklich Hilfen? Oder lenken Sie vom eigentlich Spiel ab? Was ist Eurer Meinung nach eigentlich "Orgelspiel"? Geht das heute noch ohne digitale Hilfen?

Ein weites Feld. Und so bin ich gespannt, was Ihr meint und schreibt.
Herzliche Grüße

Daniel
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DenkDirBass 6 2/5'
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Re: Orgel in der digitalen Welt - Orgel digital

Beitrag von DenkDirBass 6 2/5' »

Dieser Fragenkomplex ist deutlich zu groß, um ihn pauschal mit einem Ja oder Nein abzuhandeln. Zudem kommt ein gerütteltes Maß persönlichen Geschmacks.

Rational betrachtet erhält man eine große Zahl von Möglichkeiten, ohne dafür große Nachteile einzutauschen, wie dies etwa bei pneumatischen Trakturen der Fall war und ist und die auch als Fortschritt gepriesen wurden. Also insofern ist die Digitalisierung ein Fortschritt.

Musikalisch eröffnet sich dem geneigten Anwender ebenso ein enormes Betätigungsfeld. Doch das gilt auch für dissonante Aliquoten oder kurzbechrige Zungenstimmen. Der eine hält es für die Krönung der Orgelbaukunst während andere darüber den Kopf schütteln. Denn genauso ordne ich die digitalen Hilfen ein. Eine Spielerei mehr. Manche können damit umgehen und es kommt sogar hörenswerte Musik dabei raus.

Emotional sträuben sich mir die Nackenhaare, weil es sich irgendwie falsch anfühlt und wir sowieso schon zu viel Zeit mit Computern verbringen. Doch solange die Technik nicht die Hauptsache, nämlich die Orgel, verstellt oder gar unterjocht sehe ich keine Probleme für derlei Experimente. Endgültig werden wir wohl erst in hundert Jahren über das Thema urteilen können, wenn alle Kinderkrankheiten und die Bewunderung um der Neuheit Willen ausgestanden sind.

Wenn ich dergleichen zur Verfügung hätte, würde ich trotzdem erst einmal damit herumspielen und experimentieren. Wenn es mir gefällt, würde ich die Möglichkeiten auch vor Zuhörern nutzen, wenn nicht, lass ich’s halt bleiben.
Darin sehe ich auch den Kern des Orgelspiels. Die klanglich schönsten Seiten eines Instrumentes zu erspielen, erspüren und zum Klingen zu bringen. Wenn ein Spieler das beherrscht, so kann das Instrument quasi nicht von ihm getrennt werden, da sie ein rückkoppelndes Kontinuum aus Idee, Inspiration und Möglichkeiten bilden, völlig unabhängig von digitalen, elektronischen oder mechanischen Hilfen oder der Größe des Instrumentes.

Herzliche Grüße aus der winterlichen Lausitz.
Konrad
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Re: Orgel in der digitalen Welt - Orgel digital

Beitrag von Administrator »

Hallo Konrad,
danke für die Rückmeldung. Ich wollte es bewusst etwas "schwammig" lassen, weil der Themenbereich so umfangreich ist. Dein Beitrag macht ja schon deutlich, wie schwierig es einzuordnen ist und dass manches Geschmackssache ist, mit Qualität zu tun hat oder auch nur als Spielerei taugt.

Ich bin auf weitere Beiträge und Wortmeldungen gespannt.
Herzliche Grüße

Daniel
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kernbeißer
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Re: Orgel in der digitalen Welt - Orgel digital

Beitrag von kernbeißer »

So ungewöhnlich kommt die Orgel in Nagold gar nicht daher, echt Weigle 1970-iger-Jahre-Design. Bissele Hausbacken sah sie, sieht sie aus. Und die alten Registerwippen sind noch wie vor da. Schön. In Jungen Jahren war ich auch dort. Heute sicher klanglich aufgepeppt und dem Zeitgeschmack angepasst. Damals eben eine echte Weigle, eine Symbiose aus alt und neu, wie das eben im sparsamen Württemberg üblich war.

Ich möchte jetzt nicht konservativ erscheinen, aber in ein Instrument, das 100 Jahre Lebensdauer schaffen soll, massig elektronische Bauelemente zu integrieren, die mal schätzungsweise 10 - 15 Jahre funktionstüchtig sind, halte ich für einen nicht wirklich sinnvollen Weg. Zumal Ersatz für solche Bauteile nach einer gewissen Zeit nicht mehr zu bekommen ist. Den Orgelbauer wird es freuen, denn dies sichert künftigen Umsatz - oder treibt in den Wahnsinn, wenn der Fehler nicht gefunden und behoben werden kann.

Schon etliche Entwicklungen, die als bahnbrechend eingeführt wurden, haben sich als nicht dauerhaft erwiesen, wie Feder-Dichthülsen aus Kunststoff, Kunststoffschleifen, neuartige Holzwerkstoffe, Trakturen aus Aluminiumdrähten und -Seilen und, und, und. Was bringt eine x-fache elektronische Setzerkombination, die im Ernstfall, im Konzert oder Gottesdienst ausfällt. Alles schon passiert, sogar bei Orgeln namhafter Hersteller.

Ansonsten sind solche Spielereien ein netter Effekt, bringen jedoch für den Musiker keinen echten Gewinn, finde ich. Digitale Selbstspielappartae sind auch nur "Konserven", die immer wieder das gleiche wiedergeben. Da ist selbst die Drehorgel noch musikalischer, da man durch die variierende Geschwindigkeit beim Drehen doch noch etwas Leben in den Vortrag bringen kann.

Auch die selbstspielende Orgel, heute sicher dank Midi-Technik kein Problem mehr, das ist keine wirklich revolutionäre Entwicklung. Selbstspielende, die baute Walcker schon Anfang des 20. Jahrhunderts ebenso wie Welte. Und auch diese damalige Technik ist heute schon längst überholt und nur noch museal zu betrachten.

Wer all diese digitalen Spielereien haben will, soll sich daran erfreuen. Allerdings sollte die Orgel auch nach wie vor "klassisch" bespielt werden können, um allen Interessen gerecht zu werden.

Da sind sicher klangliche Entwicklungen, Werk-Übergreifende Klangideen und Raumklangvisionen viel interessanter im Entwicklungsgeschehen der Orgel.

Gut finde ich die Ablehnung der Elektronien, welche gemeinhin auch als "Orgel" bezeichnet werden. Da gehe ich d'accord.
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