Benötigt die Orgelwelt noch eine "Orgelwissenschaft"?

Informationen und Diskussionen zu allen Bereichen rund um die Orgel herum,
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Roland Eberlein
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Benötigt die Orgelwelt noch eine "Orgelwissenschaft"?

Beitrag von Roland Eberlein »

Einst setzte die Orgelwelt große Hoffungen auf eine wissenschaftliche Erforschung der Orgelgeschichte sowie der Orgelphysik: Dem Orgelbauer Werner Walcker-Mayer war sie 1965 noch so viel wert, daß er dafür 100.000 DM – damals ein riesiger Betrag - in eine Stiftung zur Förderung der Orgelwissenschaft steckte. Er erhoffte sich von der Orgelwissenschaft Impulse für den Orgelbau der Zukunft, sowohl durch die Erforschung der Orgelgeschichte (barocker Orgelbau als Vorbild für den zukünftigen Orgelbau) als auch durch die Erforschung der Orgelphysik (neue Möglichkeiten hinsichtlich klanglicher und technischer Gestaltung für den zukünftigen Orgelbau).

Mir scheint, von dieser Hoffnung ist heute nicht mehr viel geblieben. Das 1995 gegründete GOArt (Göteborg Organ Art Center) scheint zwar ähnliche Zielsetzungen zu haben, aber ich habe nicht den Eindruck, daß die Orgelwelt heute noch große Hoffnungen mit GOArt verknüpft. Oder irre ich mich da?

Was könnte eine Orgelwissenschaft zur Zukunft der Orgel beitragen? Oder, wenn sie nichts beitragen kann, wer könnte an ihrer Stelle der Orgelwelt wesentliche Impulse geben?
kernspalter
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Re: Benötigt die Orgelwelt noch eine "Orgelwissenschaft"?

Beitrag von kernspalter »

Aktenzeichen_XY hat geschrieben:Die historische Orgelmusik darf idealer weise auch nur an historisch korrekten Orgeln aufgeführt werden andernfalls klingt sie per Definition nicht überzeugend.
Sagt wer?
Mit kernspalterischen Grüßen
RhönOrgelbauer
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Re: Benötigt die Orgelwelt noch eine "Orgelwissenschaft"?

Beitrag von RhönOrgelbauer »

Benötigt die Orgelwelt noch eine "Orgelwissenschaft"?

Was oder wer bitte ist "die Orgelwelt"?

Nehmen wir zum Beispiel die Orgelbauer (Die dürften wahrscheinlich dazugehören):
Die Orgelbauer benötigen die Orgelwissenschaft in dem Maß, wie ihnen Gelegenheit (und Mittel, Geld) gegeben wird, sie anzuwenden und umzusetzten.
Entsprechendes gilt sinngemäß für das übrige Personal der "Orgelwelt" (Organisten, Orgelbesitzer, Orgelbauherren, Orgelzuhörer, Orgelliebhaber, Orgelforscher usw. usw.)

Mir drängt sich der Vergleich der Orgelwissenschaft mit der Philatelie im Zeitalter der digitalen Nachrichtenübermittlung auf.
Und ehrlich: War die Orgelwissenschaft im Vergleich zu anderen Forschungsgebieten jemals viel mehr als ein "Hobby" der Akteure?

Fragt sich
RhO
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Friedrich Sprondel
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Re: Benötigt die Orgelwelt noch eine "Orgelwissenschaft"?

Beitrag von Friedrich Sprondel »

RhönOrgelbauer hat geschrieben:Benötigt die Orgelwelt noch eine "Orgelwissenschaft"?
Mir drängt sich der Vergleich der Orgelwissenschaft mit der Philatelie im Zeitalter der digitalen Nachrichtenübermittlung auf.
Und ehrlich: War die Orgelwissenschaft im Vergleich zu anderen Forschungsgebieten jemals viel mehr als ein "Hobby" der Akteure?
Da wäre ich vorsichtig. Kind, Bad usw. Wir Zwerge stehen da heute, vielleicht ohne es zu merken, auf den Schultern von Riesen. Ernst Flade, Gustav Fock, Paul Smets, Wilibald Gurlitt, Christhard Mahrenholz, Hans Klotz und manche andere: Die haben Grundlagenforschung betrieben. Vieles davon muss heute korrigiert werden, gerade bei den Studien von Flade und Fock zu Silbermann und Schnitger, die Jahrzehntelang als Standardwerke galten. Trotzdem wäre es ohne diese Anfänge gar nicht so weit gekommen.

Wissenschaftliches Vorgehen muss man trainieren, und man muss sich sprachlich und auch veröffentlichungsstrategisch in einen ganz anderen Diskurs einklinken, als er Profimusikern oder Hobbyorganologen offenstünde. Man muss bereit sein, sich über Jahre durch Archive und Bibliotheken zu wühlen, und auch da muss man wissen, wie man sie überhaupt zum Besten nutzt. Dafür wiederum muss man Institutionen im Rücken haben, die das ganze als wissenschaftliche Forschung überhaupt ermöglichen, denn ab und zu einen Happen essen und eine warme Wohnung schätzt der Organologe ebenso wie seine Familie.

Forschungsergebnisse, die in Büchern oder im Netz verfügbar sind, mag ein restaurierender Orgelbauer als Dienstleistung ansehen; aber erst einmal klären sie auf über die Sache, der sie sich widmen. Einfach so. Die Orgel ist ein sehr lohnender Forschungsgegenstand, weil sich an ihr deutlich und dauerhaft Geschichte niederschlägt: Politische, Lokal-, Wirtschafts-, Musik-, Kunstgeschichte. Das ist einzigartig bei einem Gegenstand, der im besten Fall genau auf der Grenze zwischen Kunsthandwerk und autarkem Kunstwerk balanciert. Eine solche Beziehungstiefe kann ein Wissenschaftler ausloten, denn er ist dafür ausgebildet -- auch für den ästhetischen und historischen Adlerblick, den ein Lokal-Hobby-Orgelforscher nun mal meistens nicht einnehmen kann.

Orgelforscher nerven alle: Die Orgelbauer, weil sie glauben, die Forscher glaubten, sie wüssten alles besser (was sie übrigens auch manchmal tun); die Orgelsachverständigen und Organisten, weil die Forschlinge dauernd neue Forschungsergebnisse produzieren, die oft dem widersprechen, was man lange für wahr gehalten hat; die Universitäten, weil die einen Orchideenduft wahrnehmen und, bei der derzeit herrschenden Nutzenideologie, nicht einsehen, was das denn bringen soll.

Aber akademische Orgelforschung bringt Erträge, die kein anderer erbringen kann und die alle gerne nutzen.
"Und ehrlich:" Kann man das von den Philatelisten sagen?

Gruß,
Friedrich
RhönOrgelbauer
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Re: Benötigt die Orgelwelt noch eine "Orgelwissenschaft"?

Beitrag von RhönOrgelbauer »

Alles richtig, lieber Friedrich Sprondel. Meinen Begriff "Hobby" haben Sie aber doch wohl missverstanden.
Ich möchte keineswegs die Ernsthaftigkeit, den betriebenen Aufwand und Professionalität der Orgelforscher gering achten oder anzweifeln. Und auch der Amateur verdient als Orgel-Heimatforscher Anerkennung.
"Hobby" verstehe ich in erster Linie unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten: Wurden die unzähligen Stunden in ungeheizten Archiven, die Fahrten und Orgelbesichtigungen alle bezahlt? Und wenn, von wem? Wohl kaum! Selbst die wenigen universitären Organologen, die ihrer Fakultät Mittel für ein orgelwissenschaftliches Institut abtrotzen konnten, dürften das kaum hauptberuflich betreiben/betrieben haben.
Vergleicht man die Orgelwissenschaft mit der Grundlagen- und Anwendungsforschung für, sagen wir, die Pharmaindustrie oder den Airbus 380, dann erscheint sie doch eher als (verdienstvolles) Hobby, zumal in der öffentlichen und finanziellen Beachtung.
So war das gemeint.

Der Orgelbauer steht vor dem Dilemma, dass er die Ergebnisse und Hinweise der Orgelwissenschaft interessant und spannend findet [vielleicht machen sie ihn auch unsicher], aber in der Praxis ausprobieren kann er es kaum, weil bei den wenigen Projekten der Auftraggeber kein Risiko eingehen will. Aber, das ist ein anderes Thema.

Gruß
RhO
Holger

Re: Benötigt die Orgelwelt noch eine "Orgelwissenschaft"?

Beitrag von Holger »

... und dennoch wird von Orgelbauern viel "wissenschaftliche" Arbeit erwartet.

Gerade bei Restaurierungsprojekten, die vergeben werden, wird genau darauf geachtet, dass im Vorfeld sorfältig vom Orgelbauer recherchiert wird. Und das bereits im Angebotsstadium, welches ja nicht bezahlt wird, und nur die Hoffnung besteht, dass es mit der Auftragsvergabe klappt ...

Dann beim Abschluss des Projektes mit der Dokumentation, da habe ich schon sehr sorgfältige Ausarbeitungen gelesen, die es verdient hätten veröffentlicht zuwerden.

Nun da ja keine "Organexperts" mehr ausgebildet werden (Sinn und Zweck dieses Studiengangs bleiben mir bisher im Verborgenen), bleibt nur zu hoffen, dass den Orgelenthusiasten und den Orgelbauern nicht die Luft ausgeht, um sich weiterhin mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Ob dies nun immer "wisschenschaftlich" im Sinne einer universitären Forschung ist oder ob dies "nur" laienhaft und allgemeinverständlich betrieben wird sei dahingestellt. Viel wichtiger erscheint mir, dass sich überhaupt noch jemand mit dem Thema beschäftigt und die Orgel als Kulturgut weiterhin in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird.
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Re: Benötigt die Orgelwelt noch eine "Orgelwissenschaft"?

Beitrag von Administrator »

Ich habe in den letzten Tagen gelegentlich über die Anfangsfrage nachgedacht. Und bin dabei immer wieder bei einem Aspekt hängengeblieben. In unserer heutigen Zeit gibt es ja viele Wissenschaften. Und oft, wenn ich Berichte von Ergebnissen höre, frage ich mich, ob denn das Ausgeben von Geldern für diese Zwecke wirklich notwendig war. Mich interessiert herzlich wenig, ob Tausendfüßler wirklich tausend Füsse haben, schwarze Löcher wirklich schwarz (oder dunkelgrau) oder ob Prinzipal nun mit Z oder mit C in der Mitte geschrieben wird.

Es gibt m.E. heutzutage dringendere Probleme. Solange es noch Menschen gibt, die hungern oder unter Kriegen, Not und Elend leiden, Gerechtigkeit eine Utopie zu sein scheint und wir alle noch nicht mal ein vernünftiges Miteinander hinkriegen, sollte man doch überlegen, ob eine Wissenschaft ihren Zweck nicht verfehlt, wenn sie nur alte Theorien durch neue Theorien ersetzt.
Wenn eine Wissenschaft dazu dient (also ihre Ergebnisse umsetzen kann), das Leben der Menschen besser, lebenswürdiger und sinngefüllter zu machen - dann ist sie, meiner Meinung nach, sinnvoll.

Wie sieht es da mit der Orgelwissenschaft aus? Im Grunde ist die Orgel ja nicht nur auf Orgelbauer und Orgel-Freaks (ich nenne das bewußt so) angewiesen, sondern auch auf Zuhörer. Auf Menschen, die der Klang erreicht, die der Klang bewegt, denen der Klang etwas "sagt". Und diese wären doch die erste Zielgruppe für die Arbeiten der Orgelwissenschaft, oder? Wenn die Wissenschaft so wissenschaftlich wird, dass sie die Menschen nicht mehr erreicht (die ja die Finanzen meist ermöglichen), dann ist sie unnütz.

Schafft es die Orgelwissenschaft, die Menschen wieder zur Orgel zurück zu führen? Bereitet Sie einem Dialog zwischen den einzelnen Gruppen (Orgelbauer, Organisten, Orgelfreunde, Orgelmusikhörer, Orgelfremde und Orgelfeinde) den Weg? Unterstützt sie diejenigen, die Orgeln unterhalten (Kirchengemeinden, Konzerthäuser, Orgelbauer)? Kann die Orgelwissenschaft Gott, Musik und die Menschen miteinander verknüpfen und diese Verbindung festigen? Wenn diese Fragen mit ja beantwortet werden, kann ich auch die Orgelwissenschaft unterstützen.
Ansonsten sehe ich in ihr eher ein Fossil, Relikt oder eine unnütze Geldverschwendungsmaschine.
Natürlich kostet Wissenschaft Geld. Aber es sollte am Ende etwas rauskommen, was diejenigen, die es finanzieren, auch für die Ausgabe entschädigt.

Jetzt habe ich hoffentlich niemanden vor den Kopf gestoßen. Das täte mir leid.
Und ich bin ganz gespannt auf Eure Erwiderungen und den weiteren Verlauf dieser Diskussion.
Herzliche Grüße

Daniel
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S.L
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Re: Benötigt die Orgelwelt noch eine "Orgelwissenschaft"?

Beitrag von S.L »

Auch wenn manche Wissenschaften der Gesellschaft keinen unmittelbaren Nutzen zu bringen versprechen (Grundlagenforschung), so wären viele, oft schon banal erscheinende Dinge des Alltags undenkbar.
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Re: Benötigt die Orgelwelt noch eine "Orgelwissenschaft"?

Beitrag von Administrator »

Das ist durchaus richtig. Nur ist oft der Aufwand übertrieben. Man sehe mal die Wissenschaftler vergangener Zeiten, die teilweise in zusammengebastelten Laboratorien arbeiteten und tolle Ergebnisse erzielten. Heute werden riesige Summen für irgendwelches Equipment ausgegeben, dass manchmal nicht mal funktioniert. Oder nur 1 bis 2 mal genutzt wird und dann durch was Neues ersetzt wird. Da fehlt mir der Sinn. Mag am Ende noch so Tolles rauskommen, ich sehe derzeit anderen Handlungsbedarf.

Im Orgelbereich habe ich oft das Gefühl, dass es auch nur um große theatralische "Luftblasen" geht, um wichtige Meinungen, usw. Aber viel raus kommt meist nicht. Und so gut wie nie gibt es einen Effekt, der die Menschen auch längerfristig wieder zur Orgel zieht. Ich erinnere da nur an das vergangene Symposium in Züirch. Viel Wind, große Worte und minimaler Effekt.

Wie gesagt: Grundlagenforschung ist m.E. absolut in Ordnung. Wenn die Relationen stimmen. Und im Gesamtblick sind manche banale erscheinende Dinge des Alltags Luxus für uns, den andere sich, neben Hunger, Krieg usw. nicht mal ersehnen. Kann man dann nicht mal auf Banalitäten verzichten und die Grundlagen erarbeiten? Für alle?
Herzliche Grüße

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Friedrich Sprondel
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Re: Benötigt die Orgelwelt noch eine "Orgelwissenschaft"?

Beitrag von Friedrich Sprondel »

Administrator hat geschrieben:… ich sehe derzeit anderen Handlungsbedarf.
Ich glaube, hier liegt ein typischer Fall von Mt 26, 9 vor. :)

Im Ernst: Ich verstehe nicht, wie Wissenschaft und die Not in der Welt gegeneinander ausgespielt werden können. Wissensdrang ist menschlich, und sehr viele Menschen widmen sich ihm mit Leidenschaft und unter Entbehrungen, ob innerhalb einer Universität oder in anderem Rahmen.

Wissenschaft ist kein Luxus, sondern Aufklärung. Sie hat Gegenstände und bestimmte Verfahren, und beides treibt tiefe Wurzeln ins »wirkliche Leben« – einen Gegensatz zwischen beidem gibt es nicht. Wissenschaft bedeutet, Verstehen zu schaffen. Wissenschaft systematisiert, ordnet, analysiert, bis ein Gegenstand klarer als zuvor erfassbar ist. Auch wenn ihr das nicht gelingt, ist das ein wissenschaftliches Ergebnis – wenn es denn über wissenschaftliche Verfahren erreicht und eingestanden wurde. Den Aufwand bestimmt nicht die Laune des Forschers, sondern sein Gegenstand und sein Verfahren.

Es ist wichtig ist, Wissenschaft zu treiben und zu achten, und zwar absolut – ja genau: als Selbstzweck. Erkenntnisgewinn ist nicht relativierbar. Hunger, Armut, Krankheit und Gewalt sind furchtbar, sie müssen und können bekämpft werden. Aber das hat nichts mit Wissenschaft zu tun. Mittel gegen die Plagen dieser Welt sind längst vorhanden. Werden sie genutzt? Wenn nicht: Liegt das an der Wissenschaft?

Es gibt Dinge, die wirklich entbehrlich und auch nicht immer billig sind: Kartoffelchips, als Familienautos verkleidete Kleinlaster, Star-Wars-Actionspielzeug, Dolby-Surround-Heimkinos, Filme mit Paris Hilton oder ähnlichen Landplagen, Zeitungen mit großen Buchstaben, Nervengiftinjektionen zur Faltenglättung, Fernsehen, Tabakprodukte, Bundesligaübertragungsrechte, Spaßbäder, Freizeitparks, Musicaltheater, Butterfahrten, Skitourismus … Was Geldmittel angeht: In diesen Bereichen ist per Verzicht ein Vielfaches dessen zu holen, was man aus dem Wegfall von festen Stellen in der Wissenschaft – oder zum Beispiel bei öffentlich finanzierten Orchestern – ergattern könnte. Alles, was es dafür bräuchte, wäre gute Schulbildung und eine Erziehung zu kritischem Denken. Und Verantwortliche – Politiker, Lehrer, Wirtschaftslenker, Eltern –, die das beides auch wollen.

Kunst sagt etwas aus über uns Menschen. Wissenschaft sagt etwas aus über die Welt und über unser Verhältnis zu ihr. Beides ist genauso notwendig wie das tägliche Brot.

Gruß,
Friedrich
Roland Eberlein
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Re: Benötigt die Orgelwelt noch eine "Orgelwissenschaft"?

Beitrag von Roland Eberlein »

Friedrich Sprondel hat geschrieben: Aber akademische Orgelforschung bringt Erträge, die kein anderer erbringen kann und die alle gerne nutzen.
Natürlich ist mir Friedrich Sprondels Plädoyer für Wissenschaft im allgemeinen und die Orgelwissenschaft im besonderen zutiefst sympathisch. Trotzdem sehe ich ein Problem, das die historisch orientierten Geisteswissenschaften betrifft: Die Quellen über die Vergangenheit sind begrenzt. Sind diese einmal ausgewertet, ist ein weiterer Erkenntnisfortschritt kaum noch möglich. Nur die der jeweils aktuellen Mode unterworfene Deutung der überlieferten Dinge kann sich dann noch ändern, nicht unser Wissen von den früheren Zeiten. Die Musikwissenschaft ist diesem Punkt z.B. in der Mittelalterforschung schon ziemlich nahe gekommen; hier tut sich nicht mehr viel, schon gar nicht Grundlegendes. Langfristig gesehen führt dies dazu, daß die historischen Geisteswissenschaften nur noch echte Forschung betreiben können hinsichtlich der jüngsten Vergangenheit – alles andere ist ja schon so weit aufgearbeitet, daß ein wesentlicher Erkenntnisfortschritt nicht mehr möglich ist und nur noch das vorhandene Wissen tradiert (und nach jeweiliger Mode gedeutet) werden kann. Aber die jüngste Vergangenheit ist ja bekanntlich das, wovon sich die Gegenwart abgrenzen will, für sie interessiert sich die Gegenwart eigentlich gar nicht. Also werden die historischen Geisteswissenschaften in Zukunft mehr und mehr als unbedeutend und uninteressant wahrgenommen – auch die Orgelwissenschaft! Und ich habe den Eindruck, dieser Prozeß hat längst eingesetzt: Über die Orgeln des Mittelalters und des 16. Jahrhunderts geben die Quellen nicht mehr her, über das 17. bis 19. Jahrhundert glauben wir soweit Bescheid zu wissen, daß wir uns von dem Ausbuddeln weiterer Kleinmeister nicht mehr viel versprechen, und der Orgelbau der Orgelbewegung interessiert unsere Zeitgenossen nicht wirklich, damit wollen sie nichts zu tun haben. Wozu also noch Orgelwissenschaft?
kernspalter
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Re: Benötigt die Orgelwelt noch eine "Orgelwissenschaft"?

Beitrag von kernspalter »

Roland Eberlein hat geschrieben:und der Orgelbau der Orgelbewegung interessiert unsere Zeitgenossen nicht wirklich, damit wollen sie nichts zu tun haben.
Nach meiner Beobachtung findet man gerade unter den Jüngeren unter den Orgelinteressierten oft ein ausgeprägtes Faible für den Orgelbau der Orgelbewegung. Die führenden Köpfe der Orgelbewegung sind inzwischen verstorben. Die nachfolgende Generation, die sich dagegen abgegrenzt hat, hat zwar noch das Sagen, geht aber inzwischen auf das Rentenalter zu. Für die nächste Generation gibt es sicher noch Spannendes zu entdecken und einiges von dem zu kritisieren, was in den letzten dreißig Jahren so gelaufen ist.
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Re: Benötigt die Orgelwelt noch eine "Orgelwissenschaft"?

Beitrag von Administrator »

Friedrich Sprondel hat geschrieben:Ich glaube, hier liegt ein typischer Fall von Mt 26, 9 vor. :)
Naja, nicht ganz. Aber die Relationen müssen stimmen. Das Öl in der Bibel war ein Geschenk. Die Gelder, die meist ausgegeben werden, wenn die Wissenschaft ihr Wesen (oder manchmal auch Unwesen) treibt, sind selten Geschenke. Wenn sie es sind - von mir aus. Wenn aber das Geld von anderen "eingefordert" wird oder die Wissenschaft über Steuern finanziert wird, sehe ich das sehr problematisch.
Friedrich Sprondel hat geschrieben:Im Ernst: Ich verstehe nicht, wie Wissenschaft und die Not in der Welt gegeneinander ausgespielt werden können. Wissensdrang ist menschlich, und sehr viele Menschen widmen sich ihm mit Leidenschaft und unter Entbehrungen, ob innerhalb einer Universität oder in anderem Rahmen.
Wenn das so ist, dann bin ich sehr unmenschlich. :-) Ja, ich lerne auch gerne dazu und freue mich über manche (nicht alle) neue Erkenntnis und den Fortschritt. Aber nicht, solange die Verantwortlichen vor Hunger, Kriegen, Kindersoldaten, Korruption usw. die Augen verschließen. Es bringt nichts, sich in seine Papierberge zu verkriechen und die Not Not sein zu lassen. Da ist für mich wahre Grundlagenarbeit erforderlich. Nicht im Erforschen der Vergangenheit. Und wenn beides sein muss, dann bitte so, dass es sich ergänzt und uns menschlich vorwärtsbringt.
Friedrich Sprondel hat geschrieben:Wissenschaft ist kein Luxus, sondern Aufklärung.

Wirklich? Ist sie manchmal nicht auch einfach ein Zeitvertreib oder Hobby? Oder ein Verschließen der Augen vor anderen Dingen, die schwerer zu kontrollieren sind?
Friedrich Sprondel hat geschrieben:Es ist wichtig ist, Wissenschaft zu treiben und zu achten, und zwar absolut – ja genau: als Selbstzweck. Erkenntnisgewinn ist nicht relativierbar. Hunger, Armut, Krankheit und Gewalt sind furchtbar, sie müssen und können bekämpft werden. Aber das hat nichts mit Wissenschaft zu tun. Mittel gegen die Plagen dieser Welt sind längst vorhanden. Werden sie genutzt? Wenn nicht: Liegt das an der Wissenschaft?

Ja, als Selbstzweck. In Ordnung. Aber nicht um jeden Preis. Ja, Mittel gegen die Plagen sind vorhanden und werden nicht genutzt. Und da habe ich dann oft das Gefühl, dass manche Wissenschaftler sich in ihrem Elfenbeinturm vergraben, nach dem Motto "Wenn sie nicht auf mich hören wollen - selbst schuld". Aber ist das alles? Wenn es Lösungen gibt, dann sehe ich auch besonders einen Verantwortung bei den Wissenschaftlern, an der Umsetzung beteiligt zu sein. Und diese vorwärts zu treiben.
Friedrich Sprondel hat geschrieben:Es gibt Dinge, die wirklich entbehrlich und auch nicht immer billig sind: Kartoffelchips, als Familienautos verkleidete Kleinlaster, Star-Wars-Actionspielzeug, Dolby-Surround-Heimkinos, Filme mit Paris Hilton oder ähnlichen Landplagen, Zeitungen mit großen Buchstaben, Nervengiftinjektionen zur Faltenglättung, Fernsehen, Tabakprodukte, Bundesligaübertragungsrechte, Spaßbäder, Freizeitparks, Musicaltheater, Butterfahrten, Skitourismus …
Schöne Aufzählung :-) Gefällt mir !!!
Friedrich Sprondel hat geschrieben:Was Geldmittel angeht: In diesen Bereichen ist per Verzicht ein Vielfaches dessen zu holen, was man aus dem Wegfall von festen Stellen in der Wissenschaft – oder zum Beispiel bei öffentlich finanzierten Orchestern – ergattern könnte. Alles, was es dafür bräuchte, wäre gute Schulbildung und eine Erziehung zu kritischem Denken. Und Verantwortliche – Politiker, Lehrer, Wirtschaftslenker, Eltern –, die das beides auch wollen.

Siehe meine Ausführung oben - die das "aktiv" wollen. Und zu den Nichtwollenden gehören m.E. auch manche Wissenschaftler. Orgelwissenschaft - um wieder zurückzukommen - alleine, bringt nichts. Erst, wenn wir auch zukünftig Organisten haben (und junge Orgelfreunde) macht sie Sinn. Sonst ist sie zukunftslos. Und hier fängt es bei Erziehung, Schulbildung und vielen Faktoren an. Auch gesellschaftlichen. Gute Erziehung, Schulbildung und ein gutes Miteinander (eine funktionierende Gesellschaft) können die Not in der Welt lindern. Und dann bleibt auch Zeit für die Kunst, für die Muse.
Also gehören doch Orgelwissenschaftler auch an die "Bildungsfront" :-) Und an alle weiteren auch. Mittendrin sein. Nicht im Elfenbeinturm.
Friedrich Sprondel hat geschrieben:Kunst sagt etwas aus über uns Menschen. Wissenschaft sagt etwas aus über die Welt und über unser Verhältnis zu ihr. Beides ist genauso notwendig wie das tägliche Brot.

Stimme ich mit überein. Wenn es im Rahmen bleibt. In Maßen.



Roland Eberlein hat geschrieben:atürlich ist mir Friedrich Sprondels Plädoyer für Wissenschaft im allgemeinen und die Orgelwissenschaft im besonderen zutiefst sympathisch.

Ups, ich hoffe, ich bin jetzt nicht zutiefst unsympathisch, da ich für die andere Seite spreche :-)

In Ihrem Beitrag, lieber Herr Eberlein, spricht heraus, dass das Interesse an der Vergangenheit schwindet. Ich hoffe, dass dem nicht so ist. Es wird sicher immer wieder Eifrige Forscher geben, die auch das Vergangene spannend finden. Natürlich wird man nicht alle zukünftig lebenden Menschen erreichen und für Orgelwissenschaft begeistern können, aber doch zumindest einen Teil. Vorausgesetzt (meine Meinung), die entsprechende Bildung ist gegeben. Wenn es weiterhin mit dem Schulsystem und dem gesellschaftlichen Umgang so weiter geht, sehe ich Probleme. Und hier setzt wieder mein o.g. Punkt an - Die Orgelwissenschaft darf nicht irgendwo im stillen Kämmerchen hocken. Sie muss raus - und zeigen, was sie kann und hat.

Lesen Sie mal unsere heutige Presse-Schau. Die Aktion "Bach für Detektive" in Neuenhagen ist für mich auch ein Teil Orgelwissenschaft. Und ein ganz relevanter dazu. Wenn solches gefördert und vermehrt wird, wird auch zukünftig Interesse an der Orgelwissenschaft vorhanden sein. Und wer weiß, was in manchen Archiven noch schlummert ....
Herzliche Grüße

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Re: Benötigt die Orgelwelt noch eine "Orgelwissenschaft"?

Beitrag von S.L »

Administrator hat geschrieben:Wenn das so ist, dann bin ich sehr unmenschlich. :-) Ja, ich lerne auch gerne dazu und freue mich über manche (nicht alle) neue Erkenntnis und den Fortschritt. Aber nicht, solange die Verantwortlichen vor Hunger, Kriegen, Kindersoldaten, Korruption usw. die Augen verschließen. Es bringt nichts, sich in seine Papierberge zu verkriechen und die Not Not sein zu lassen. Da ist für mich wahre Grundlagenarbeit erforderlich. Nicht im Erforschen der Vergangenheit. Und wenn beides sein muss, dann bitte so, dass es sich ergänzt und uns menschlich vorwärtsbringt.
Unter diesen Gesichtspunkten wäre zu hinterfragen, ob man angesichts der Not in der Welt überhaupt noch Orgeln bauen oder restaurieren soll. Eine Orgel geht nun wahrlich über die Grundbedürfnisse hinaus und kostet eine Menge Geld, mit dem tausenden Menschen geholfen werden könnte, und schließlich hat es Jesus Christus auch ohne Orgel geschafft, seine Botschaft zu verbreiten.
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Re: Benötigt die Orgelwelt noch eine "Orgelwissenschaft"?

Beitrag von Administrator »

Ja, auch das sollte man überlegen. Eine Orgel zu bauen, nur damit man protzen und angeben kann, ist sicherlich unsinnig. Wenn die Orgel dann aber dazu dient, in der Gemeinde den Weg zu Gott zu bereiten, ist das ja wieder ein Teil der Grundbedürfnis-Deckung. Auch hier muss die Relation stimmen.

Denn Religion ist für mich auf jeden Fall ein Grundbedürfnis. Dazu gehören Kirchenmusiker, Pastoren, Orgeln, Gemeindehäuser, Kirchen, usw. Ob es immer unbedingt eine Bach-Orgel mit 65 Registern sein muss (ok - leicht übertrieben) ist fraglich. Aber ein Insrument - eingebunden in Liturgie und Seelsorge - ja, das passt.
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