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Verbesserung Orgelsituation, Anschaffung Gebrauchtorgel

Verfasst: Dienstag 13. Juli 2021, 21:26
von anhu
Hallo zusammen,

ich befinde mich in einer "spannenden Lage" und möchte gerne Tipps haben.
Vor weniger als 2 Jahren wurden 4 katholische Kirchengemeinden zusammengelegt, was im Augenblick gerade "üblich" ist.
Die ehemaligen Gemeinden würde ich mit 1 bis 4 durchnummerieren. Die Orgel- und Organistensituation sieht folgendermaßen aus:

ehemalige Gemeinde 1: Orgel: 27/II+P, 1 hauptamtlicher Kirchmusiker bis etwa vor einem halben Jahr, Stelle noch nicht wieder besetzt, aber in der "Neubesetzungsphase", 2 Gottesdienste am Sonntag
ehem. Gemeinde 2: Orgel 7/I+P, Organisten: Honorarkräfte, die größtenteils in ehem. Gemeinde 3 wohnen, je 1 Gottesdienst am Sa und So
ehem. Gemeinde 3: Orgel 7/I+P, Organisten: Honorarkräfte, die größtenteils in ehem. Gemeinde 3 wohnen, dazu zähle ich auch; je 1 Gottesdienst am Sa und So
ehem. Gemeinde 4: sehr klein, nicht von Bedeutung für das Orgel-Thema

Seit einem halben Jahr ist die hauptamtliche Stelle nicht besetzt, d.h. es fehlt an Personal und wir haben folgende Situation:
Gemeinde 1: bis jetzt war immer ein Organist da, und zwar oft welche, die nicht zur Gemeinde gehören. Ich spiele dort auch öfter und geniesse es natürlich.
Gemeinde 2: Kein Organist am Samstag, am Sonntag meist Organisten aus Gemeinde 3, ich ebenfalls
Gemeinde 3: "Organistenquote" nur ca. 50%, Organisten aus Gemeinde 3, ich gehöre auch dazu

Es fällt auf, dass es bei der "Orgelsituation" ein großes Ungleichgewicht besteht. Die Orgel in Gemeinde 2 + 3 sind ähnlich. Gemeinde 2 hat das jüngere Instrument, bei dem die Unzulänglichkeiten des Instrumentes von Gemeinde 3 zum großen Teil korrigiert wurden.

Es fällt ebenfalls auf, dass viele Organisten in der ehemaligen Gemeinde 3 wohnen, wo aber das "schlechteste" Instrument steht.

Jetzt kommt die Frage: Wie stelle ich es an, dass die Situation in Gemeinde 3 durch den Kauf einer gebrauchten Pfeifenorgel verbessert werden kann?
Die Kritikpunkte an der derzeitigen Orgel sind.
1. Die Orgel ist ein "Kreischpositiv", d.h. der Organist sitzt direkt davor und bekommt vom Gemeindegesang recht wenig mit.
2. Kein Prinzipal 8 Fuss, obwohl es der Kirchraum "nötig" hat. Stattdessen nur ein "dünn klingendes" Holzgedackt 8 Fuss. Bei Orgel in Gemeinde 2 hat man immerhin ein "satter" klingendes Gedackt aus Metall disponiert.
3. Die Orgel hat ein Nasard 2 2/3, wobei ich nicht weiß, was ich mit diesem Register anfangen soll
4. Flöte 2 Fuss statt Prinzipal 2 Fuss, d.h. zur Führung eines kräftigen Gemeindegesangs wenig geeignet. In der Gemeinde 2 wurde das korrigiert!
5. Mixtur, die schrill und scharf klingt und damit höchstens dem Organisten einen Tinitus bescheren kann. Das wurde ebenfalls in der Gemeinde 2 korrigiert.
6. insgesamt macht das Musizieren dort keine Freude.

In den einschlägigen Internetseiten für gebrauchte Pfeifenorgeln gibt es ab und zu schon geeignete Instrumente.

Wie soll ich vorgehen, um das Ziel zu erreichen?

Ich muss anmerken, dass wir in der Diaspora leben, d.h. der Katholikenanteil ist <5%. Wenn ich jetzt einfach sage, dass ich aus diesen und jenen Gründe in Gemeinde 3 nicht mehr Orgel spielen möchte, kann ich trotzdem noch unbehelligt beim Bäcker und Metzger einkaufen ohne schief angeschaut zu werden. Ich denke, dass ich trotzdem noch in Gemeinde 1 und 2 aktiv sein kann, da wir einen Organistenmangel haben. Aber das ist natürlich auch keine Lösung...

Wenn spreche ich in welcher Reihenfolge an? Pfarrer, Gemeinderat, Verwaltungsrat, Orgelsachverständiger? Soll ich warten, bis der neue Hauptamtliche da ist?

Auf Eure Antworten bin ich gespannt.

Re: Verbesserung Orgelsituation, Anschaffung Gebrauchtorgel

Verfasst: Mittwoch 14. Juli 2021, 21:42
von kernspalter
Ich würde mich mit den Organistenkollegen zusammentun, am besten auch gleich den neuen Hauptamtlichen mit ins Boot nehmen.
Den Orgelsachverständigen sollte die Gemeinde beauftragen. Wenn er sich erst unabhängig von den vor Ort tätigen Organisten ein Bild macht, dann aber die Einschätzung der Organisten bestätigt, wird das die Gremien der Gemeinde mehr beeindrucken als wenn man ihn durch die Hintertür heranzieht.

Re: Verbesserung Orgelsituation, Anschaffung Gebrauchtorgel

Verfasst: Donnerstag 15. Juli 2021, 10:19
von kernbeißer
Da pflichte ich meinem "Vorschreiber" zu - ohne den neuen, noch zu findenden Organisten und die Kollegen solltest du nichts anleiern.

Der Schuss könnte nach hinten losgehen, da sich vielleicht jemand hintergangen, übergangen oder gar unbeachtet fühlen könnte. Dadurch würdest Du nichts gewinnen, wir wissen ja es menschelt auch in Gemeinden.

Vielleicht gibt es ja eine Möglichkeit, das Örgelchen zu entschärfen und durch eine Umintonation und Überarbeitung etwas milder zum klingen zu bringen bzw. den leisen 8' etwas aufzubohren. Aber dazu sollte Expertise durch Orgelsachverständigen und einen Orgelbauer eingeholt werden, um dies zu beurteilen. Dann braucht es eben noch das nötige Geld, für Neuanschaffung, Gebrauchtkauf oder auch klangliche Überarbeitung. Wobei letzteres sicherlich einfacher zu vermitteln ist - eventuell sogar mit einer anstehenden Revison der Orgel.

Ansonsten: Zurückhaltung beim Registrieren, vielleicht reicht ja bei 8' + 4' der Nasard 2 2/3' in Verbindung mit dem 2' schon als Klangkrone und auf die Mixtur kann weitestgehend verzichtet werden. Einfach ausprobieren, welche Kombinationen gut klingen.

Re: Verbesserung Orgelsituation, Anschaffung Gebrauchtorgel

Verfasst: Sonntag 12. September 2021, 23:50
von Christian_Hofmann
Du beschreibst die Situation abseits der großen Städte ganz gut. Jahrzehnte lang wurde nicht in die Technik und Orgelspieler investiert und irgendwann fällt auf das es nun nicht mehr funktioniert.

Ich kann nur ein paar Denkansätze geben die du einmal durchgehen könntest, bevor du mit jemanden Gespräche führst.

1. Würde ein neues Instrument wirklich etwas an der Situation verbessern?
2. Ist die Gemeinde in der Lage eine echte Pfeifenorgel zu finanzieren und auch langfristig zu unterhalten?
3. Wäre vielleicht eine digitale Sakralorgel (2 Manuale, Vollpedal und 30 Register ab 5.000€ + Soundsystem) nicht eine Option?

Ich weiß nicht wie es in katholischen Gemeinden ist, aber in evangelischen Gemeinden ist der Gemeinde Kirchenrat ein wichtiger Ansprechpartner.

Re: Verbesserung Orgelsituation, Anschaffung Gebrauchtorgel

Verfasst: Dienstag 14. September 2021, 08:33
von Tonglockenterz
Für mich wäre eine Digitalorgel nur eine Option, wenn eine Lösung mit der vorhandenen Pfeifenorgel bzw. einer Neuanschaffung eines vllt. gebrauchten Instruments, das auch schon für einen geringen Preis zu bekommen sind, nicht möglich ist.
Mit Digitalorgeln für 5000 Euro kann ich gut mein Wohnzimmer beschallen, für eine Kirche ist das meistens unbefriedigend.
Zum Anderen hab ich bei vielen Digitalorgelinstallationen das Gefühl, dass die Initiatoren unter Größenwahn leiden. Da steht dann in einer Dorfkirche eine dreimalige mit frz. sinfonischer Disposition.
Machmal ist weniger mehr. Ich habe mal eine kleine 10 Register Führer-Orgel umintonieren lassen, das war viel billiger als jede Digitalorgel.
MIR sind 10 echte Register meist lieber als 100 nachgemachte.
LG
Tonglockenterz

Re: Verbesserung Orgelsituation, Anschaffung Gebrauchtorgel

Verfasst: Dienstag 14. September 2021, 15:59
von Christian_Hofmann
Ich kenne hier eine Orgel die besitzt beides. Echte Register und einige digitalen, vor allem die richtig großen die nicht in die Orgel passen würden. Klanglich absolut in Ordnung, aber das hat ja auch ein Orgelbauer umgesetzt.

Ich hatte vor etwa 2 Jahren aber ein ähnliches Problem. Eine kleine Gemeinde im Außenbezirk hatte keine Orgel, sie wollten aber auch etwas anderes als E-Piano. Aus umliegenden Gemeinden gab es die Idee auch einer kleinen Orgel, aber Klanglich ist das eben oft schwierig. Während eine kleine Orgel mit einem Subbass im Pedal, einem Prinzipal und Mixtur in einem Steingebäude mit Gewölbedecke noch gut klingt, ist eine kleine Konzertkirche schon nicht mehr schön weil die hohen Töne schreien und vom kleinen Bass ist nichts mehr zu hören.

Ich hatte dann den Vorschlag für ein Harmonium gemacht, natürlich denkt dann fast jeder erst einmal an ein grausames Saugwind von schlechter Qualität. Aber ich hatte jemanden der ein Mustel mit Celeste, drei Manuale und Vollpedal abzugeben hatte. Der Transport hat 70 Euro gekostet, restauriert habe ich es mit einem Orgelbauer zusammen für noch einmal 3.000 Euro und jetzt sind dort alle zufrieden und sogar von außerhalb kommen Spieler um an diesem Instrument zu spielen. Zugegeben ist es auch klanglich sehr schön.

Bei gebrauchten Orgeln ist aber grundsätzlich das Problem das diese vermutlich nicht zu dem Raum passen und angepasst werden müssen, baulich und klanglich. Also zu dem Kaufpreis kommt noch eine ordentliche Summe oben drauf. Aber wenn ein altes Instrument abgebaut wird und so erhalten werden kann, dann kann man doch bestimmt Förderungen beantragen oder?

Re: Verbesserung Orgelsituation, Anschaffung Gebrauchtorgel

Verfasst: Dienstag 14. September 2021, 18:18
von Tonglockenterz
Es gibt mittlerweile genügend Beispiele, bei denen eine Umsetzung einer gebrauchten Orgel sehr gut funktioniert hat.
Und ich kenne ein Beispiel einer Hybridorgel, wo es überhaupt nicht funktioniert hat, dass die Pfeifenregister mit den digitalen Stimmen harmonieren, das liegt nicht am Digitalium, sondern an der schlechten Qualität der Pfeifen. Ich behaupte, dass dort mit falschen Aussagen Geschäfte gemacht wurden.
Man muss immer den Einzelfall prüfen. Manchmal ist es vielleicht tatsächlich besser auf digitale Installationen zurückzugreifen, dann aber in Maßen, nicht in Massen von Registern. Ich behaupte, dass man auf kleinen Instrumenten mehr über das Registrieren lernen kann, als auf (zu) großen Orgeln.
Zusätzlich muss es eine sehr gute externe Abstrahlung geben, dann hat man aber nochmal relativ hohe Kosten.
Klar, Verfechter von Digitalien sehen das anders. Meine Erfahrungen sind so....

Re: Verbesserung Orgelsituation, Anschaffung Gebrauchtorgel

Verfasst: Dienstag 14. September 2021, 19:14
von Christian_Hofmann
Tonglockenterz hat geschrieben: Dienstag 14. September 2021, 18:18 Klar, Verfechter von Digitalien sehen das anders. Meine Erfahrungen sind so....
Ich bin auch kein Freund von digitalen Instrumente, auch wenn ich Zuhause eine Orgel mit drei Manualen, Vollpedal und 56 Register stehen habe und gerne daran spiele. Es ist eben die einzige Möglichkeit jederzeit spielen zu können, auch im Winter. Da sehe ich natürlich auch die Nachteile. Es gibt aber auch gewisse Vorteile.

Worum es mir eigentlich im Kern geht ist die Machbarkeit. Natürlich würde ich immer ein echtes Instrument favorisieren, aber die Frage ist eben ob eine kleine Gemeinde sich das leisten kann. Oft wird gesehen das die Orgel günstig zu haben ist, wenn diese dann aber nicht gewartet wird ist sie in einigen Jahren auch wieder ein Problem. Wenn dann auch noch die Orgelspieler Mangelware sind, dann kannst du ja abschätzen wo als erstes gespart wird.