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Orgelwelt-Veränderungen dank Corona

Verfasst: Samstag 11. April 2020, 15:36
von Administrator
Liebe Orgelfreundinnen und Orgelfreunde,

in der Ankündigungs-Mail unseres aktuellen Newsletter schrieb ich:
es ist trotz Kontaktverbot, Einkaufsbeschränkungen und Kirchgangs-Verboten viel los in der Orgelwelt. Streaming, Youtube, Videos, Online-Andachten und viele andere viral bedingte Lösungen erobern unsere Orgelwelt. Bleibt das beständig? Oder ist es nur eine vorübergehende Hilfestellung in kirchloser Zeit?
Wie ist Eure Meinung dazu. Was hat sich bei Euch geändert, was davon wird bleiben, was wird - vielleicht zum Glück - wieder vergehen?

Re: Orgelwelt-Veränderungen dank Corona

Verfasst: Mittwoch 15. April 2020, 08:53
von kernbeißer
Ein Ersatz für Orgelmusik "live" ist es definitiv nicht. Für mich geht nichts über Orgelmusik vor Ort, gemeinsam gehört und erlebt mit anderen.

Alles andere ist für mich eben nur zweidimensional, der Raum fehlt. Jede Aufnahme ist nur so gut wie das schwächste Glied in der Kette, Micro, Übertragungsweg und Endgeräte zu Hause. Und da kurvt mir viel zu viel "Kruscht" im Netz herum, so nach der Devise: "Mein Handy ist so toll und gut wie 2 x Schoeps" (letzterer Hersteller von High-End-Microfonen, die nicht zu unrecht ihren Preis haben).

Ich freue mich daher auf die Zeit "Post"-Corona, wenn man wieder "darf".

Re: Orgelwelt-Veränderungen dank Corona

Verfasst: Donnerstag 11. Juni 2020, 18:06
von olds
Auf den Gottesdienst bezogen hatten wir das Thema heute morgen nach dem Hochamt zu Fronleichnam.

Die Gemeinden sind derzeit gezwungen kreativer zu denken und alle Möglichkeiten des neuen Gotteslobes auszunutzen. Nach gut 15 Jahren habe ich so mal wieder ein von einer Schola vorgetragenes gregorianisches Sanctus erleben dürfen. Das Verständnis und die Freude für und an alten Formen wird so wieder geweckt.

Auch wurden von verschiedenen Personen Strophen eines nicht geläufigen Kirchenliedes gesprochen, während ich aber zu einem völlig anderen Lied "Fronleichnamsschlager"im Hintergrund improvisierte.

Betreffend digitaler Medien haben wir sicherlich den Schub, dass die Zwangslage die Kirchengemeinden in Bewegung gesetzt und Hemmschwellen beseitigt hat. Ein Ersatz für das "Live"-Erlebnis ist das alles aber sicherlich nicht.

Nicht nur für die Kirchen, auch für das "zivile Leben" sehe ich persönlich Corona aber als einen Katalysator an, der Entwicklungen vorgreift.

Die Besucherzahlen sind durchaus eingebrochen, viele ältere regelmäßiger Besucher kommen schon jetzt nicht mehr. Das Schreckensgespenst, was wir uns für in 3-5 Jahren ausgemalt haben, ist derzeit Realität. Fraglich, ob sich hier noch einmal eine Wende einleiten lässt.

Re: Orgelwelt-Veränderungen dank Corona

Verfasst: Freitag 19. Juni 2020, 09:51
von stummorgel
Guten Morgen!

Ich kann mal aus meinem Erfahrungsschatz beisteuern, da wir seit der Karwoche regelmäßig streamen und ich auch ein Ensemble einsetze, um zumindest Chor zu bieten.
Bisheriges Fazit: die gewohnt große Gemeinde nebst Gesang fehlt, das Gemeinschaftsgefühl ist dahin und die Gottesdienste werden irgendwie auch als "Not" empfunden. Keine Frage, wir machen viel, aber auf Dauer ist das alles eine Farce und weitab vom Althergebrachten. Ein großes Problem bildet die Chorfrage. Ob hier nochmal Normaität kommen wird, das sei dahingestellt.

Durch den massigen Ausfall einiger Sonntagsgottesdienste in kleineren Kirchen unseres Sprengels haben wir teils Orgeln, die seit 3 Monaten nicht mehr bespielt wurden.
Die seit Jahren zu beobachtende Schrumpfung an Studierenden der Kirchenmusik wird zunehmen und aktuell tun sich hier im Bistum die Hauptamtlichen nicht gerade durch Aktivität hervor.
Es sind vor allem die Nebenamtlichen und engagierte Priester, die etwas auf die Beine stellen, um dann vom Dechant gemaßregelt zu werden.
Ich möchte keinen Frust säen, aber hätte ich heute nochmal die Wahl, würde ich auf eine Beschäftigung unter diesen Umständen verzichten.

Der Orgelbau wird meines Erachtens eine empfindliche Klatsche erhalten, da spätestens in 2 Jahren mit den ESt-Erklärungen die Kirchensteuer deutlich einbricht, und damit Projekte ohnehin ad acta sind. Drohende Pfarreifusionen tun ihr übriges und mangelnder Gottesdienstbesuch und kastrierte Konzertmöglichkeiten bieten leider keine Basis, um das Instrument Orgel in den Fokus zu rücken. 4

Ich rechne ganz klar mit einem Orgelbauersterben, das wir ja jetzt schon haben. Die meisten halten sich ja nicht mit Neubauten über Wasser, sondern warten, reinigen, reparieren. Klar, die "Großen" bauen noch neu, aber nicht in D, sondern in China, Rußland, Norwegen... dann haben wir einige rein auf Restaurierung spezialisierte. Aber der Markt wird ausgedünnt. Denn wenn eine Orgel mal gereinigt ist, wird die nächsten 20 Jahre in aller Regel nichts mehr passieren.

Das größte Problem aber sehe ich darin, daß ja aktuell die Zeit wäre, vielleicht einmal die Strukturen zu überdenken. Brauchen wir all diese hochbetitelten Stellen, brauchen wir ein kirchengebundenes Sachverständigenwesen? Oder wäre es nicht besser, das Nebenamt zu forcieren, dort zu qualifizieren, die Besten entsprechend zu fördern, das Sachverständigenwesen zu reformieren und auf allgemeinere Basis zu stellen.
Das würde im Ende viel Geld sparen und vor Ort was bringen, stattdessen fusioniert man Pfarreien zu räumlichen Großmonstern und schafft Anonymität und massig Bürokratie.

Es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber die Kirche braucht, meines Erachtens, einen richtigen Crash, um aufzuwachen. Und der wird mit Corona eingeläutet. Wird uns alle irgendwie betreffen. Leider.
Aber wie oben schon erwähnt, das Fernbleiben von älteren Gottesdienstbesuchern und das Ausbleiben der jüngeren ist aktuell Realität und ich glaube nicht, daß hier eine große Rückkehr eintritt.

Re: Orgelwelt-Veränderungen dank Corona

Verfasst: Mittwoch 24. Juni 2020, 08:25
von kernbeißer
Hinsichtlich der "hochbetitelten Stellen" möchte ich anmerken, dass wir schon fest angestellte, hauptamtliche Kirchenmusiker brauchen. Es gibt ja auch herausragende Stellen mit enntsprechendem kirchenmusikalischem Leben und Tradition, die niemals von ehrenamtlichen übernommen werden können.

Zum einen um die geforderten ehrenamtlichen Kirchenmusiker auszubilden und zum anderen um ein gewisses Niveau auch in diesem Bereich zu halten. Ich finde es für kirchliche Musiker, die ihre Berufung ernstehmen nicht besonders prickelnd, wenn diese noch einen "Beruf" nebenher ergreifen müssen, um sich über Wasser zu halten, wie dies vielfach in Frankreich der Fall ist. Der Titel ernährt eben nicht, und die dortigen Honorare sind oft mehr als mager. Und hier entsprechende "Leistungen" zu erwarten ist anmaßend.

Ob Kirchensteuer und Orgelbautätigkeit in einem Zusammenhang zu sehen - vielleicht, wenn durch Gemeindezusammenlegungen Kirchen geschlossen werden und Orgeln dann "übrig" sind. Dies kann im eurpäsischen Raum oft beobachtet werden. Aber in D ist es immer noch so, dass die "Kirche ins Dorf" gehört, da sind wir noch gut dran. Im städtischen Umfeld kann dies schon anders sein. Orgelneubau ist ja i.d.R. Gemeindesache und von dieser selbst zu finanzieren, durch Spenden, also abgekoppelt von der Kirchensteuer.

Prominentes Beispiel einer solchen Profanierung ist wohl die Dominikaner-Kirche in Münster, die 2017 nicht mehr im kirchlichen Dienst steht (s. Ars Organi 2/2020). Die Orgel (Paul Ott 1958 - gebaut für den Fürstenbergsaal der Universität) wurde ausgelagert und kommt jetzt erfreulicherweise nach Überlingen/Bodensee. Somit findet in dieser münsteraner Kirche, die wohl kirchenmusikalisch traditionell gut ausgestattet war, in dieser Richtung nichts mehr statt. Hier ist einfach kein Bedarf mehr.

Da die meisten Kirchenorgeln auch im Eigentum der Kirche stehen, wird sich ein kirchliches Sachverständigenwesen wohl auch nicht vermeiden lassen, egal ob es uns gefällt oder nicht. Und viele Orgeln stehen nicht unter Denkmalschutz - da hat dann die Denkmalpflege Einfluss und Mitsprache. Was dann besser ist - ???

Ob nun die Corona-Krise alleinig verantwortlich für einschneidende Veränderungen in den Kirchen des Landes ist - sei dahingestellt. Vielleicht nur ein beschleunigender Katalysator des allgemein feststellbaren schleichenden Siechtums. Ein "Aufwachen" - nun dazu sind mir die bestehenden Strukturen oft zu verkrustet, um dahingehend Hoffnung zu schöpfen.

Re: Orgelwelt-Veränderungen dank Corona

Verfasst: Donnerstag 15. April 2021, 10:08
von Administrator
Nun ist einige Zeit vergangen. Danke für Eure Beiträge. Wie ist denn Eure aktuelle Wahrnehmung? Eure Gefühlslage anlässlich der weiterhin bevorzugten Online-Konzerte?

In unserem heutigen Newsletter schrieb ich:
"An einzelnen Orten gibt es Orgel-Konzerte unter strengen Hygiene-Auflagen. Aber viele Kirchenmusiker weichen derzeit auf das Internet aus und bieten Online-Konzerte an. Eine gute Möglichkeit, Orgeln auch in dieser etwas kulturärmeren Zeit zu erleben. Aber: Wir das überhaupt genutzt? Wie ist Ihre Erfahrung mit Online-Konzerten? Macht es Ihnen Freude, sich daheim vor den PC zu setzen, um ein Orgelkonzert zu erleben? Haben Sie selbst als Ausführender schon Erfahrungen damit gemacht? Ist Ihre Gemeinde kulturell im Internet aktiv?"
Auf Eure Ergänzungen in diesem Beitrag zu den o.g. Punkten bin ich sehr gespannt.

Re: Orgelwelt-Veränderungen dank Corona

Verfasst: Freitag 16. April 2021, 09:49
von kernbeißer
Ganz ehrlich, kein Ersatz für das Erlebnis "Orgel Life" - da ist eine CD noch besser, da die Übertragungen im WWW "datenreduziert" stattfinden.

Dann lieber kein Konzert, denn solch ein Konzert.

Re: Orgelwelt-Veränderungen dank Corona

Verfasst: Dienstag 27. April 2021, 08:45
von Dorforganistin
Natürlich ist eine Aufnahme von Orgelmusik in gewisser Weise unzureichend.
Aber ich erlebe durchaus, dass Menschen sich sehr dafür interessieren.
Ich selbst höre mir auch Orgelkonzerte bei Vimeo oder Youtube an, gestreamt oder als Aufzeichnung und habe da schon tolle Sachen gehört. Gute Kopfhörer oder das Abspielen über die große Anlage und den Fernseher sind dabei ein Muss.
Ja, der Raumklang fehlt, und das fehlt mir auch, wenn ich selbst Aufnahmen mache und sie hinterher anhöre, weil ich ja weiß, welche Rolle der Raum spielt.
Aber ich bin da pragmatisch und sage, besser als nix. Und hoffe einfach auch darauf, dass die Leute durch die Aufnahmen Lust bekommen, sich irgendwann das Original wieder anzuhören.

Re: Orgelwelt-Veränderungen dank Corona

Verfasst: Mittwoch 28. April 2021, 08:42
von kernbeißer
... @Dorforganistin - Falls wir jemals wieder dürfen, die Zeichen die uns gesendet werden, sehen eher eine noch lange Enthaltsamkeit vor.

Zum Thema Youtube - ganz ehrlich - für mich nicht berauschend. Da viele meinen mit dem Mobiltelefon könne man tolle Aufnahmen ins Netz stellen, die wissen gar nicht, dass der Beruf Tontechniker eine Ausbildung voraussetzt:

https://www.audiocation.de/professional ... gI4hvD_BwE

Da wird einem das Wissen und die Anwendung des Equipments vermittelt. Beides vereint ergeben dann ein passables Aufnahme-Ergebnis.

Und dann fehlt trotzdem, trotz guter Leistungen vieler Tontechniker, die sich auf unsere Instrument spezialisiert haben und trotz guter Aufnahmetechnik, der Raumklang, besonders bei der Orgel, die ja mit dem Raum in einer direkten Verbindung steht.

Kein Lautsprecher kann das körperliche Gefühl abbilden, wenn der 32' im Pedal hinzukommt, und der ganze Raum scheinbar in Schwingung gerät, da dieser zum einen diesen Frequenzbereich nicht mehr abbildet und zum anderen die Energie nicht freisetzen kann, die eine Schwingende Luftsäule von 9,60 m Länge und entsprechendem Volumen einer(offenen Pfeife entwickelt. Das spürt man regelrecht im Bauch. Auch im Bereich der Höhen haben wir Frequenzen, die über 20 kHz hinaus gehen und von Mikros einfach nicht aufgenommen werden können. Die wir zwar auch nicht mehr hören aber mit den Klang beeinflussen und diesem "Farbe" verleihen.

Das hast Du ja auch richtig erkannt - Aufnahme ist Aufnahme und der Klang im Raum ein ganz anderer. Das stimmt mit meiner Erfahrung mit selbstgemachten Aufnahmen auch absolut überein, trotz guter Ausstattung (z.B. 2 x Mikrofon Neumann KM 184)

Echt ist echt und Konserve eben Konserve. Gemüse schmeckt ja auch besser, wenn es frisch auf den Tisch kommt - oder?

Also ich freu mich auf den Moment der "frischen" Orgelmusik und sehne diesen herbei.

Re: Orgelwelt-Veränderungen dank Corona

Verfasst: Samstag 8. Mai 2021, 22:56
von Christian_Hofmann
Zumindest bei uns in der Gemeinde hat sich wenig geändert. Während bisher z.B zum Mittwochsmarkt das Orgelkonzert zur Marktzeit stattgefunden wurde es umbenannt in Orgelandacht zur Marktzeit und ist somit keine verbotene Kulturveranstaltung sondern eine erlaubte Liturgische Veranstaltung.

Davon abgesehen finde ich das sich bei uns die musikalische Qualität in den Veranstaltungen verbessert hat. Während der normale Gottesdienst eben immer nach dem gleichen Schema ablief mit Präludium am Anfang, mehrere Choräle und Postludium ist es jetzt da die Gemeinde nicht singen darf umfangreicher. Die Bläser und andere Instrumente spielen und bieten so mehr Vielfalt. Während die Orgel gute Musik macht ist eine Orgel mit Bläser und Streicher gemeinsam noch sehr viel dynamischer.

Orgelkonzerte Online finde ich persönlich ganz nett, aber nicht wirklich überzeugend. Zum einen ist es ja kaum möglich eine Orgel sauber aufzunehmen ohne spezielle Technik, zum anderen muss ich den Klang der Orgel im Raum hören und auch fühlen. Alles andere wirkt irgendwie nicht. Aber das trifft auf fast jedes Instrument zu.