Wolfgang Abendroth in der Neanderkirche, D-Altstadt

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Clemens Schäfer
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Registriert: Samstag 16. November 2013, 19:31
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Wolfgang Abendroth in der Neanderkirche, D-Altstadt

Beitrag von Clemens Schäfer »

Hallo Forum,

seit über 50 Jahren gibt es die Sommerlichen Orgelkonzerte des evang. Kantorenkonvents in der Neanderkirche, Düsseldorf-Altstadt. Begonnen in der Johanneskirche zog man 1965 an die damals neue Rieger-Orgel in Neander um. Und bis heute erfreut sich diese Reihe großen Zuspruchs. Auch gestern waren wieder 200 oder mehr Hörer da.

Wer wie ich im vergangenen Jahr aus verschiedenen Gründen nicht dabei sein konnte, freute sich umso mehr, wieder einmal dieses nach wie vor erfrischende Instrument zu erleben. Der Raum ist klein, die Orgel verhältnismäßig groß, der Nachhall bei besetzter Kirche winzig. Da bedarf es schon präzisen Spiels. Und das beherrscht Wolfgang Abendroth (Kantor der Johanneskirche) gewiß.

Das Konzert wurde eröffnet mit Auszügen aus der Messe solemnelle von François Couperin. Abendroth machte das abwechslungsreich. Schön konnte man die einzelnen Register orten.

Martin Gerigk (*1972) hatte beim Besuch der Kirche Sagrada Familia in Barcelona die Anregung erhalten, eine Messe zu komponieren. Besonders die Licht- und Farbstimmungen hatten in ihm den Wunsch ausgelöst, dies in Musik zu setzen. So entstand „Mass, Sinfonia concertante für Violoncello und Orgel“. Das Werk erlebte nun seine Uraufführung, wobei allerdings das Gloria ausgespart wurde. Cellistin war Katrin Geelvink.

Daß Kirchenfenster zu Kompositionen anregen, ist nicht neu. Ich denke da an „Okna“ von Eben, auch ein Werk für Orgel-plus, oder die Kathedralfenster von Karg-Elert. Für die Besucher war als Hilfe ein DIN-A5 Blatt ausgeteilt worden, auf dem sich fünf Fotos aus der katalanischen Kirche befanden. So sollte man näherungsweise nachvollziehen, was Gerigk zu seinem Werk bestimmt haben mochte.

Mit beiden genannten Werken mag ich die Komposition Gerigks allerdings nicht vergleichen. Zwar stimmte jederzeit die Balance zwischen Orgel und Cello, auch war an der spieltechnischen Qualität nicht zu zweifeln. Aber die durchweg ruhigen Tempi, das ständig Gesangliche des Cellos führten doch über weite Strecken zu einer Eintönigkeit. Die Akkordik war mäßig modern. Agogik war schwach ausgeprägt, sehr betrachtend das Ganze. Nur im „ite missa est“ gab es dann etwas mehr Bewegung. Wenn man bedenkt, welche Ungeheuerlichkeiten im Messtext stecken, dann blieb dieses Werk doch sehr blaß.

In der Neanderkirche ist es - wie dankenswerterweise meistens - nicht üblich Zwischenbeifall zu spenden. Ja, vorlaute Klatscher wurden schon mal niedergezischt. Bei einer Uraufführung sollte man aber doch vielleicht eine Ausnahme machen, zumal hier vor der Fortsetzung des Konzerts die Cellistin zu würdigen war. Dazu sah sich das Publikum aber nicht veranlaßt; Abendroth packte die Noten zusammen und legte Otto Olsson auf. Aus dessen Credo-Symhonie erklang der erste Satz Endlich passierte etwas! Olsson ist der Spätromantik verhaftet. Aber da geht er souverän durch die Tonarten, entwickelt, fugiert usw. Am Ende ein fulminanter, großer Schluß (ohne zu brüllen!).

Dann gab es gehörigen Beifall. Abendroth nahm Gellvink demonstrativ in den Arm, beide winkten den Komponisten herbei. Der umarmte die Spieler und ging dann sofort auf seine Platz zurück. Ein Blick ins Publikum fand nicht statt, geschweige denn eine Verbeugung. Schon merkwürdig.

Gruß Clemens Schäfer
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