Laura Schildmann i.d. Auferstehungskirche, D-Oberkassel

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Clemens Schäfer
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Laura Schildmann i.d. Auferstehungskirche, D-Oberkassel

Beitrag von Clemens Schäfer »

Hallo Forum,

im 15. Oberkasseler Orgelfrühling ging es weiter mit Laura Schildmann, die an der Unterkirche in Bad Frankenhausen (Kyffhäuser) seit 2010 eine A-Stelle innehat. Schildmann stammt aus Berlin und studierte dort mit Abschluß 2002.

Bei ihrer Vortragsfolge stellt sich die Frage der Programmdramaturgie. Macht es Sinn, an erste Stelle ein Spitzenwerk der Orgelkunst zu setzen, um dann deutlich leichtere Kost zu servieren?

Es ging los mit Bach, C-Dur 9/8 BWV 547. So ganz glücklich wurde man mit dem Praeludium nicht. Der wiegende Rhythmus wollte sich nicht recht einstellen; ein paar Gasttöne kamen hinzu. Viel besser dann die Fuge. Danach BWV 713, Fantasia super Jesu, meine Freude. Hell registriert.

Schildmann wollte Thüringer Komponisten vorstellen. Und so ging es mit Johann Gottfried Walther weiter. Zum gleichen Choral nun eine Partita. Die einzelnen Variationen wechselten in Registrierung und Charakter, genialisches ist ihnen allerdings fern. Und beim anschließenden Konzert nach Albinoni (das Adagio in der Mitten bestand nur aus einer kurzen Verbindung der Ecksätze) hörte man wieder viele Sequenzen und Wiederholungen. Tadellos gespielt. Aber im Grunde bestenfalls unterhaltend.

Wer auf Liszt-Gottschalg gewartet hatte, bekam ein kurzes Stück à la Liebestraum. Auch an das Gebet einer Jungfrau mochte man denken. Solveigs Lied steht da schon drüber. Nett gemacht war es aber.

Schildmann hatte vor dem Konzert auf sehr sympathische Art ein paar Hinweise zu den Stücken gegeben. Zu Albert Becker, Phantasie und Fuge für Orgel Op. 52 hatte sie indes nichts angemerkt. Der stammt aus Quedlingburg und war als Professor in Berlin u.a. Lehrer von Sibelius. Seine Komposition ist hörbar von Liszt beeinflußt. Großer brausender Beginn des kurzen, abebbenden Vorspiels, dann ausgedehnte Fuge mit mehreren Themen. Durchaus hörens- und aufführenswert. Schildmann warf sich mit Verve in das Getümmel und bestand diese Probe bravurös.

Sehr wohl fühlte sich die Interpretin dann auch bei den zwei abschließenden Stücken von Guy Bovet. Hier waren die rund 80 Hörer vorab gewarnt worden, kamen doch in „Sarasota“ nächtlings kinderfressende Krokodile vor. Ansonsten herrschte aber bleierne Schwüle - fein gemacht. In Spanien übte Bovet seinerzeit in einer Kirche, als ein Einheimischer ihn bat, über ein Lied zu improvisieren. Er sang vor, Bovet spielte und setzte die Impro dann in Noten. Als er das Werk dort im Konzert in der Kirche spielte, kam ein zorniger Pfarrer, der sich derlei in seiner Kirche verbat. Der Text des wohl allgemein, nicht aber Bovet bekannten Liedes handelte von einer Frau sehr zweifelhaften Rufes, die freilich auf den Stufen des Altars Gott um Vergebung bat. Die Komposition griff offenbar insbesondere den interessanten Rhythmus auf.

Großer Beifall, keine Zugabe.

Letzten Mittwoch konnte ich das Konzert mit Su-Meoung Han (Muffat, Bach, Liszt) nicht besuchen, weil ich eine Abonnementskarte für die Tonhalle hatte; Anne Sophie Mutter spielte mit einem Ensemble aus Berliner und Wiener Philharmonikern Mozart. Es gab die drei Violinkonzerte Nr. 2, 3 und 5 sowie Mozarts erste Symphonie KV 16. Hohes Niveau, gewiß! Aber doch ein wenig eintönig. Einige Temporückungen, mit denen die Begleiter aber bestens zurechtkamen. Trotz der vorhandenen Moll-Eintrübungen, die bei Mozart ja immer lauern, wurde nichts dramatisch. Etwas blutleer das Ganze. Da half auch das hautenge, wie immer schulterfreie Nixenkleid bei blendender Figur nicht.

Ganz anders, ebenfalls Tonhalle, Mozart am Sonntagabend. Acht erstklassige Sänger, ein kleiner Chor, fast das gleiche Orchester (diesmal aber komplett aus Wien), ein auswendig dirigierender Adam Fischer: Konzertant Don Giovanni, Wiener Staatsoper! Da war Leben! Und Abgrund, Mord und sexuelle Nötigung, versuchte Vergewaltigung, mehr Wollust als Liebe, Verführbarkeit, Bestechlichkeit usw.. - Wenn ich hier weiterschreibe, komme ich aus dem Schwärmen nicht mehr heraus. Dabei bin ich gar kein besonderer Opernfan. Aber dieses Werk ist nunmal ein ganz Großes. Und dem entsprach die Aufführung. Hinreißend.

In Düsseldorf diskutiert man zur Zeit, ob man in das sanierungsbedürftige Opernhaus noch Geld stecken oder lieber gleich neu bauen soll. Wenn man eine solche konzertante Aufführung gehört und gesehen hat, stellt sich allerdings auch die Frage, wozu überhaupt Bühne, Kulisse, Farbe und Licht, wenn man so gute Musik und perfekt schauspielernde Sänger hat. Prima la musica!

Gruß Clemens Schäfer

P.S.

Mi, 29.05.2019, 18:30h, Auferstehungskirche, Mari Fukumoto (Hamburg) mit Buxtehude(137), Tunder(Komm, heiliger Geist), Messiaen (Communion aus Pentecôte), Hindemith(2. Sonate), Alain (Jannequin) und Reger (52,2)
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