Markus Hinz in St. Antonius, D-Oberkassel; neues FW

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Clemens Schäfer
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Markus Hinz in St. Antonius, D-Oberkassel; neues FW

Beitrag von Clemens Schäfer » Dienstag 11. Dezember 2018, 18:01

Hallo Forum,

das dritte Konzert zur Vorstellung des neuen Fernwerks in St. Antonius, Düsseldorf-Oberkassel, spielte Kantor Markus Hinz am 09.12.2018 selbst. Sein Programm startete mit BWV 572, was ich unlängst in St. Lambertus von Daniel Zaretzky gehört hatte. Wie dort war Hinz recht schnell unterwegs, hatte im Gravement aber den besseren, natürlicheren Fluß. Auch der Schlußteil war schnell, aber durchhörbar. Im Eingangsteil nutzte Hinz bei den Echostellen das Fernwerk.

Dann folgte ein Andante „Chœur des voix humaines“ von Léfebure-Wély. Auch hier wurde das FW eingesetzt. Ein delikates Stück. Langsam beginne ich, meinen Frieden mit diesem Komponisten zu machen.

Das Adagietto aus Mahlers Fünfter (Transkription Joachim Dorfmöller) geriet arg langsam. Die Versuchung, dieses sehnsuchtsvolle Stück bis ins Letzte auszukosten ist sehr verständlich. Aber irgendwo ist dann doch eine Grenze erreicht, muß die Musik noch Luft zum Atmen haben. Die Harfe läßt sich nur bedingt auf Orgel darstellen. Schön, aber nicht ganz überzeugend.

Ganz ausgezeichnet geriet dann aber „Fiat Lux“ aus Douze Pièces Nouvelles pour Grand Orgue (1893) von Théodore Dubois. Die große Steigerung vom ppp zum vierfachen(!) Forte gelang erstaunlich klar und licht.

Liszts Vogelpredigt (Transkription Günter Berger und Camille Saint-Seans) kostet das vielfältige Flötenensemble voll aus. Die Tiere kamen von überall und wurden erst durch die ernsthafte Predigt des Herrn aus Assisi (Tenorlage) ein wenig eingeschüchtert, arrangierten sich aber mit dessen Vortrag und zwitscherten dann gerne mit. Bis der letze Vogel durch die Kuppel davon flog.

Mit Tschaikowskys „Tanz der Zuckerfee“ aus Nußknacker (Transkription Alexander Dürr) stellte Hinz die Celesta des FW solistisch vor. Das gab’s dann am Ende noch einmal als Zugabe und geriet dabei gelöster.

Von Hinz selbst folgten zwei Stücke in Uraufführung: Eine Echo-Fantasie und eine Choralbearbeitung über „Wachet auf“. In der Fantasie reichte Hinz das Thema per Delay-Funktion von der ChO zum FW und von dort zur HO, jeweils mit zeitlichem Versatz. Darunter gab es eine klanglich delikate Grundlage. Kurz aber sehr hübsch. Eine feine Demonstration technischer Möglichkeiten. Sehr anregend war auch die Choralbearbeitung, mit der Hinz die Schlagwerke der Orgel vorführte. Der cf. kam vom Carillon; sehr obertonreich und fast etwas verstimmt klingend wie Freiluft-Glockenspiele. Begleitend dann Vibraphon, Marimba und Celesta. Eine stimmige und gut gemachte Bearbeitung des bekannten Chorals.

Das Schlußstück bildete Grand Chœur Dialogue (1881) von Eugéne Gigout. Wie der Name schon andeutet, bietet sich dieses Stück gerade für Kirchen mit mehreren Orgel an. So kann der Dialog gut sinnfällig gemacht werden. Prächtiger Schluß des marschartigen Stücks.

Großer, anhaltender Beifall der wieder beachtlichen Zuhörerschaft; trotz „fiesen“ Regenwetters waren rund 200 gekommen.

Gruß Clemens Schäfer

P.S. (OT)

Am Freitag, 07.12.2018 habe ich „Mass“ von Leonard Bernstein gehört. Tonhalle Düsseldorf, Düsseldorfer. Symphoniker, John Axelrod (Dirigent), Jubilant Sykes (Celebrant), Elisa Kliesow (für erkrankten Knaben: Sopran), Streetchor, Chor des Städtischen Musikvereins (200 Jahre Jubiläum), Jugendchor, Rockband, usw.

Ein beeindruckendes Werk, ein toller Mischmasch der Stile, Griff in alle Kisten, die die Musikgeschichte gefüllt hat. Und doch stringent. Eklektizistisch und gleichzeitig einigend. Keine Messe sondern ein Stück über Messe. Ein Stück vor allem über Glaube und die Möglichkeiten und Hindernisse zu glauben. Sehr wahrhaftig und daher überzeugend. Großartige Aufführung. Der im Original vorgesehene Tanz kommt in der Tonhalle nicht vor. Ohnehin mußte das Podium schon über das erweiterte Maß hinaus vergrößert werden. Der Streetchor, im Publikum verteilt sitzend, sprang dann auf und eilte zum Podium. Der Kinder- und Jugendchor betrat die Halle über die Publikumszugänge, nahm vor der Bühne Aufstellung, wandert später auf das Podium und verteilte sich im Orchester (Dona nobis Pacem - Höhepunkt des Werkes). Der Celebrant hat eine riesige Partie, agiert auch schauspielerisch, singt, flüstert, spricht mit Kopfstimme, ist Musical, Soul und Jazzsänger (auch vom Rang herab). Ausgefeilte Choreographie (Streetchor!), kongeniale Lichtregie (Orchester mit Notenpultlampen erlaubte ansonsten Dunkelheit mit Effekten). Der Musikvereinschor (in Zivil) teils auswendig, der Jugendchor komplett auswendig. Kurz: Ein großer Abend. Wie gesagt: Kein liturgisches Stück, mehr Theater, nahe an Brittens Kirchenopern, aber mit viel Latin, Jazz, Rock, Pop angereichert. Gut hörbare E-Guitarren. Und auch Orgel ist effektvoll eingesetzt. Unbedingt hingehen, wenn es irgendwo geboten wird!

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