Nachwuchsmangel - weniger Jugendliche?

Informationen und Diskussionen zu allen Bereichen rund um die Orgel herum,
z.B. Vorstellung der eigenen Kirchengemeinde, Konzert- und Gottesdienstgestaltung, Konzertberichte, Sparmaßnahmen in der Gemeinde, Organisation, usw.
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Was hält Kinder/Jugendliche von der Musik fern?

Mangelnde Angebote / Unterrichte
0
Keine Stimmen
zu teure Unterrichte
1
14%
Musik lernen ist Zeitverschwendung - kann man eh nichts mit anfangen
0
Keine Stimmen
fehlende Vorbilder
1
14%
andere Hobbies, die interessanter sind
2
29%
Musik machen ist uncool
0
Keine Stimmen
Gefahr, sich zu outen, ist zu groß
1
14%
Fehlendes Interesse der Eltern / des Umfeldes
2
29%
 
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Administrator
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Nachwuchsmangel - weniger Jugendliche?

Beitrag von Administrator »

Liebe Leserinnen, Leser, Schreiberinnen und Schreiber,

vor einiger Zeit - schon lange her - fragten wir im Blog mal herum, was Euch zum Thema Nachwuchs auffällt. Das Ergebnis könnt Ihr hier nachlesen: http://orgel-information.blogspot.de/20 ... eil-1.html

Nun sind von verschiedenen Seiten Fragen auf uns eingestürmt. Und einige möchte ich hier nun nach und nach mal reinstellen, um Eure Reaktionen, Antworten, usw. zu erfahren.

Bitte helft mit Euren Beiträgen, dies Thema ganz aktuell zu machen. Es geht uns alle an !! (Es kann sein, dass manche Fragen schon in anderen Threads behandelt wurde. Bitte schreibt trotzdem nochmal dazu und verweist nicht einfach auf andere Beiträge. Danke !)


Frage 2:
Gibt es weniger Jugendliche/Kinder?
Wenn ja (demografischer Wandel, Geburtenrückgänge): macht das wirklich soviel aus, dass wir ernsthaft Probleme bekommen?
Wenn nein: Spielen wirklich weniger von Ihnen ein Instrument?

Oder ist das alles nur bedingt durch Meinungsmache? Wird uns von den Medien etwas vorgegaukelt?

Jugendlichen und Kindern werden heute deutlich mehr Freizeitmöglichkeiten geboten und auch ihre finanziellen Möglichkeiten sind oftmals besser als bei den jungen Leuten früherer Jahre. Aber: Möglichkeiten, sich die Zeit irgendwie zu vertreiben gab es doch schon immer, oder? Warum spielen Musik und Kirche heute dann nur so eine geringe Rolle?
Herzliche Grüße

Daniel
(Admin)
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http://www.musik-medienhaus.de
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Solcena
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Re: Nachwuchsmangel - weniger Jugendliche?

Beitrag von Solcena »

Hallo Daniel!
Administrator hat geschrieben: Frage 2:
Gibt es weniger Jugendliche/Kinder?
Wenn ja (demografischer Wandel, Geburtenrückgänge): macht das wirklich soviel aus, dass wir ernsthaft Probleme bekommen?
Ja! Wenn auch die Bevölkerungszahl bis zum Jahr 2050 "nur" um ca. 7 Millionen zurückgehen soll, so sind die Kirchen, die - machen wir uns nichts vor - nunmal der Hauptträger der Pfeifenorgel-Kultur in Deutschland sind, noch von einem ungleich stärkeren Rückgang betroffen. Allein den Status quo zu halten, wird vielerorts nicht möglich sein, es werden weiter Kirchengebäude geschlossen werden. Das hat nichts mit Schwarzmalerei zu sehen, es ist die Realität. Trostreich für die Orgelbauer: Verdient man mit Renovierungen / Wartung nicht sowieso mehr als mit Neubauten? 8) Aber es wird auch viele Pfarreien geben, wo selbst für eine Instandhaltung das Geld fehlen wird. In meiner Heimat müssten mal dringend alle Schleifenzugapparate der Orgel ausgetauscht werden, da sie (Baujahr 1967) nicht mehr produziert werden und nacheinander ausfallen. Zusammen mit einem neuen Gleichrichter kommen da selbst bei einer 25-registrigen Standard-Neobarockorgel mal eben ein stolzes fünfstelliges Sümmchen zusammen. Dafür in der Nach-Limburg-Zeit sammeln, wenn gleichzeitig noch die Kirchenrenovierung von aussen ansteht? Sicher kein Einzelfall... :shock:
Administrator hat geschrieben: Wenn nein: Spielen wirklich weniger von Ihnen ein Instrument?
Nein, das glaube ich nicht. Nur immer weniger finden leider überhaupt einen Zugang zu unserem Lieblingsinstrument, der Orgel, da dieser in aller Regel über die kirchliche Sozialisation erfolgt.
Wo sollen Kinder sonst in Kontakt mit Orgeln kommen, wenn nicht in der Kirche? Über die paar Dutzend Saalorgeln in Deutschland, die nach dem Weihejahr vielleicht noch zwei-, dreimal im Jahr als Fortissimoformant in Orchesterkonzerten (die auch vorwiegend vom ergrauten Publikum besucht werden) zum Einsatz kommen, seltenst in Soloprogrammen, und die in meist un-orgelig klingenden Räumen oft gerade nicht so klingen, wie man sich eine Orgel vorstellt? Das Schicksal der Orgel hängt auf Gedeih und Verderb an dem Schicksal der Kirche. Und die Kirche wird sich - leider - stark verändern, weg von der Volkskirche, hin zu kleinen Gemeinschaften (wie in der frühen Christenheit, Hauskirchen) und religiösen Zentren.
Einiges gibt Anlass zur Hoffnung: In den letzten Jahren ist massenhaft Literatur für Kinder-Orgelkonzerte erschienen - es liegt an jedem Organisten, der um Nachwuchs bemüht ist, Taten folgen zu lassen. Das muss ja keine komplizierte Literatur sein, um Begeisterung zu wecken! Wer einmal die leuchtenden Augen einer Kindergarten- oder Kummionkindergruppe bei einer Orgelvorstellung gesehen hat (selber spielen - mal in eine Pfeife reinblasen - in eine Orgel reingucken - selber den Blasebalg betätigen, falls Treteinrichtung vorhanden), wird so etwas öfter anbieten, denke ich mal.
Administrator hat geschrieben:Jugendlichen und Kindern werden heute deutlich mehr Freizeitmöglichkeiten geboten und auch ihre finanziellen Möglichkeiten sind oftmals besser als bei den jungen Leuten früherer Jahre. Aber: Möglichkeiten, sich die Zeit irgendwie zu vertreiben gab es doch schon immer, oder? Warum spielen Musik und Kirche heute dann nur so eine geringe Rolle?
Ja, gute Frage. Das ist ein Riesenthema, dass du da aufwirst, und es lässt sich mit Sicherheit nicht in zwei, drei Sätzen beantworten.
Manchmal würde ich gerne mit einer Zeitmaschine 120 Jahre in die Vergangenheit reisen und die tolle, kathedralmässig klingende 23-Register-Orgel meines Wohnortes (Dorf!) gleich mitnehmen. Wüsste mal zu gerne, was die Menschen von damals zu so einem Instrument gesagt hätten. Das hätte vermutlich in der Klangqualität durchaus mit der 20 km entfernten damaligen Domorgel konkurrieren können, ganz zu schweigen von den technischen Möglichkeiten (Setzeranlage, effekives SW). Man kann sich heute bei Dauerberieselung via Internet, CD, Radio gar nicht mehr vorstellen, was für ein Ereignis ein Instrument, ja ein einzelner Ton im 19. Jahrhundert gewesen sein muss. Heute zählt allenthalben nur die Perfektion, selber machen ist verpönt.
Frag mal die zahlreichen Chöre. Trotz einer erstarkenden Kinder- und Jugendchorszene geht es doch dreiviertel aller existierenden Erwachsenenchöre heute sauschlecht. Ein Kind, das ein Instrument lernt - ok. Ein Kind, das Gesangunterricht nimmt - da wurden die Eltern doch bis vor ein paar Jahren noch einigermassen schief angeguckt...
Zuletzt geändert von Solcena am Mittwoch 23. Juli 2014, 09:31, insgesamt 1-mal geändert.
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olds
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Re: Nachwuchsmangel - weniger Jugendliche?

Beitrag von olds »

Für mich auffällig ist, dass in meiner jetzigen Wohnort-Pfarrei sehr viele C-Musiker rumlaufen. Teilweise gehört es hier schon fast zum guten Ton, dass die Kinder in der Oberstufen-Zeit auf die Ausbildung machen. Die Zivil-Gemeinde ist einer der besseren Stadtteile, entsprechendes (akademisches) Niveau findet sich in den Elternhäusern. Daher sind die Hobbies gerne tiefgründig und werden auf höherem Niveau betrieben.

Zur Kirchengemeinde: Sehr lebendige Pfarrei mit entsprechendem Engagement und entsprechenden Vorbildern. Was auf der Orgelempore passiert ist nicht unbeding abgehoben und schwebt über den Dingen, man kommt gut miteinander klar und begeistert sich gegenseitig.

Der (C-Kantoren-) Sohn des Organisten und Chorleiters hier (ebenfalls C-Kantor) hat in seiner Zeit als Obermessdiener auf Wunsch der Messdiener in Gruppenstunden sogar schonmal 4-stimmige Lieder eingeübt. Auf Wunsch von 17-jährigen Mädchen (!!!).

Es stand mal der Gedanke im Raum, diese Mädchen auf Projektbasis in die moderne Phase des Chores zu integrieren. Wir sind ein Ökumenischer Chor und singen während der warmen Monate praktisch nur moderneres Zeug, hier häufen sich dann auch Auftritte, wo die Mädels nicht ministrant ran müssen. Ging eigentlich ganz gut.... . Wenn aber der Freizeitstress nicht wäre.
Die Tochter meiner Vermieterin spielt neben Jugendgruppe und Ministranz, z.B. Basketball und sobald das höherklassig wird, hat so eine Liga dann einen geographischen Einzugsbereich, da fährt man um 10 für das Spiel um 13 Uhr los. Und dazu kommt dann noch die Schule und wenn´s grad passt ein Nebenjob.

Es braucht also Vorbilder und Ansprache durch das Umfeld.
S.L
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Re: Nachwuchsmangel - weniger Jugendliche?

Beitrag von S.L »

Administrator hat geschrieben: Wenn nein: Spielen wirklich weniger von Ihnen ein Instrument?
Solcena hat geschrieben:Nein, das glaube ich nicht. Nur immer weniger finden leider überhaupt einen Zugang zu unserem Lieblingsinstrument, der Orgel, da dieser in aller Regel über die kirchliche Sozialisation erfolgt.
Wo sollen Kinder sonst in Kontakt mit Orgeln kommen, wenn nicht in der Kirche? ...
Einiges gibt Anlass zur Hoffnung: In den letzten Jahren ist massenhaft Literatur für Kinder-Orgelkonzerte erschienen - es liegt an jedem Organisten, der um Nachwuchs bemüht ist, Taten folgen zu lassen. Das muss ja keine komplizierte Literatur sein, um Begeisterung zu wecken! Wer einmal die leuchtenden Augen einer Kindergarten- oder Kummionkindergruppe bei einer Orgelvorstellung gesehen hat (selber spielen - mal in eine Pfeife reinblasen - in eine Orgel reingucken - selber den Blasebalg betätigen, falls Treteinrichtung vorhanden), wird so etwas öfter anbieten, denke ich mal.
Kinder generell für die Orgel zu begeistern ist eine Sache. Aber es stellt sich die Frage der Übemöglichkeit, wenn das Interesse tatsächlich so groß wird, das Instrument selbst lernen zu wollen. In vielen Kirchen ist das Üben gar nicht erlaubt, weil man als Orgelschüler ja sicherlich etwas kaputtmacht oder der liebe Gott auch einmal seine Ruhe haben möchte (so wurde mir gegenüber ernsthaft argumentiert), da bekommt nicht einmal der "Hausorganist" einen eigenen Schlüssel. In anderen wieder nur dann, wenn das Sekretariat besetzt ist. Oft kommt es auch vor, dass die nächste Kirche mit einer Orgel kilometerweit entfernt liegt. Wer findet dann nach einem anstrengenden Tag wirklich noch Zeit und Muße zu üben vor allem im Winter?
Holger

Re: Nachwuchsmangel - weniger Jugendliche?

Beitrag von Holger »

Wer findet dann nach einem anstrengenden Tag wirklich noch Zeit und Muße zu üben vor allem im Winter?
Das eine mit dem anstrengenden Tag ist definitiv ein Problem, das andere kann mann z.B. mit einer Digital-Orgel zu Hause regeln. Nicht jeder kann sich ein Pfeifen-Übeinstrument leisten. Da ist man dann nicht mehr Abhängig von der "Gnade" eines Mesners oder den "Launen" einer Pfarramtssekretärin. Und ungeheizte Kirchen im Winter sind eh für Organisten schlimm.

Generell erhält man so auch eine Unabhängigkeit, die nicht ausgenützt werden kann mit dem Argument Du übst hier also spiel auch gefälligst im GD.

Klaro, dass Kirche im allgemeinen Abwärtstrend liegt. Nicht nur bei Jugendlichen.

Da ist ein Problem das sicher in dem inzwischen flächendeckenden Schulsystem "Gymnasium G8" zu finden ist. Das betrifft wohl nicht nur den Organistennachwuchs sonder auch Vereine, die weniger junge Nachwuchsmitglieder bekommen. Die Verringerung der Schuljahre im gymnasialen Bereich erfordert eine Verdichtung der Stoffvermittlung, damit mehr Nachmittagsunterricht und weniger Freizeit.

Hat sich dann doch ein junger Nachwuchsorganist gefunden, ist die Freude kurz, denn sobald dieser das Abitur hat, geht er zum Studium. Und die Uni-Standorte profitieren von einem weiteren Organisten, der dort Organistendienst machen kann.
Solcena
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Re: Nachwuchsmangel - weniger Jugendliche?

Beitrag von Solcena »

olds hat geschrieben:Für mich auffällig ist, dass in meiner jetzigen Wohnort-Pfarrei sehr viele C-Musiker rumlaufen. Teilweise gehört es hier schon fast zum guten Ton, dass die Kinder in der Oberstufen-Zeit auf die Ausbildung machen. Die Zivil-Gemeinde ist einer der besseren Stadtteile, entsprechendes (akademisches) Niveau findet sich in den Elternhäusern. Daher sind die Hobbies gerne tiefgründig und werden auf höherem Niveau betrieben.

Zur Kirchengemeinde: Sehr lebendige Pfarrei mit entsprechendem Engagement und entsprechenden Vorbildern. Was auf der Orgelempore passiert ist nicht unbeding abgehoben und schwebt über den Dingen, man kommt gut miteinander klar und begeistert sich gegenseitig.

Der (C-Kantoren-) Sohn des Organisten und Chorleiters hier (ebenfalls C-Kantor) hat in seiner Zeit als Obermessdiener auf Wunsch der Messdiener in Gruppenstunden sogar schonmal 4-stimmige Lieder eingeübt. Auf Wunsch von 17-jährigen Mädchen (!!!).
Beneidenswert! In meinem jetzigen Wonhort (Speckgürtel einer Grossstadt) ist ebenfalls Nebenamtler-Überschuss, wenn ich mich nicht in der Nachbar-Seelsorgeeinheit gemeldet hätte, dass ich wirklich gerne mal Gottesdienst-Vertretungen spielen wollte, käme ich gar nicht mehr zum Einsatz. 60 km weiter, in meinem Heimatort (ländlicher), sieht die Welt schon ganz anders aus - wenn ich da eine Woche vor einem Gottesdienst, für den ich als Stelleninhaber eine Vertretung brauchte, niemanden gefunden hatte, sah es schlecht aus.

Ja, nie gab es wohl so gut ausgebildete Kirchenmusiker, auch auf dem Land, nie so gute Instrumente, so vielfältige Literatur, so gute Probemöglichkeiten. Alle Voraussetzungen sind gegeben...!
S.L hat geschrieben: Kinder generell für die Orgel zu begeistern ist eine Sache. Aber es stellt sich die Frage der Übemöglichkeit, wenn das Interesse tatsächlich so groß wird, das Instrument selbst lernen zu wollen. In vielen Kirchen ist das Üben gar nicht erlaubt, weil man als Orgelschüler ja sicherlich etwas kaputtmacht oder der liebe Gott auch einmal seine Ruhe haben möchte (so wurde mir gegenüber ernsthaft argumentiert), da bekommt nicht einmal der "Hausorganist" einen eigenen Schlüssel. In anderen wieder nur dann, wenn das Sekretariat besetzt ist. Oft kommt es auch vor, dass die nächste Kirche mit einer Orgel kilometerweit entfernt liegt. Wer findet dann nach einem anstrengenden Tag wirklich noch Zeit und Muße zu üben vor allem im Winter?
Das ist in der Tat sehr bedauerlich. Ich glaube aber, dass sich da gegenüber früher schon sehr viel getan hat. Selbst dem musikunkundigsten und verständnislosesten Pfarrer sollte mittlerweile klar sein, welchen Stellenwert eine funktionierende Kirchenmusik hat und dass er ein Problem hat, wenn er mal keine Vertretungen findet. Notfalls kann man ja den Pfarrgemeinderat / - verwaltungsrat / das Presbyterium direkt ansprechen bzw. über die Fachstellen Musik bei den Bistümern / die Hauptamtler in der Fläche (Dekanats-, Regionalkantoren) oder über die örtlichen kirchlichen Chöre einen Kontakt herstellen.

Ich habe mir jetzt eine Digitalorgel fürs Eigenheim gekauft, zum Üben gibt es nichts besseres. Als orgelbegeisterter Schüler / Student hat es mir aber nichts ausgemacht, mir Nächte in einer kalten Kirche um die Ohren zu schlagen. Hatte einen Schlüssel von dem Spieltisch, der Emporen- und der Kirchentür bekommen, was leider nicht selbstverständlich ist!

Das Argument mit dem "kaputtmachen" kommt auch immer wieder, man kann nicht oft genug wiederholen, dass eine Orgel gespielt werden muss bzw. dass man eigentlich (wenn nicht böser Willen vorhanden ist!) nichts kaputtmachen kann!
Holger hat geschrieben: Da ist ein Problem das sicher in dem inzwischen flächendeckenden Schulsystem "Gymnasium G8" zu finden ist. Das betrifft wohl nicht nur den Organistennachwuchs sonder auch Vereine, die weniger junge Nachwuchsmitglieder bekommen. Die Verringerung der Schuljahre im gymnasialen Bereich erfordert eine Verdichtung der Stoffvermittlung, damit mehr Nachmittagsunterricht und weniger Freizeit.

Hat sich dann doch ein junger Nachwuchsorganist gefunden, ist die Freude kurz, denn sobald dieser das Abitur hat, geht er zum Studium. Und die Uni-Standorte profitieren von einem weiteren Organisten, der dort Organistendienst machen kann.
Volle Zustimmung zu allem, was du schreibst.

Das G8-System zerstört die vorhandenen intakten Vereinsstrukturen durch (teilweise unqualifizierte) Betreuung am Nachmittag. Für die Kinder, die zu Hause nur vor den Fernseher abgeschoben werden, ist es ein Segen, für viele Vereine mit qualifizierter Jugendarbeit ein riesiges Problem.
Zuletzt geändert von Solcena am Mittwoch 23. Juli 2014, 12:59, insgesamt 1-mal geändert.
S.L
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Re: Nachwuchsmangel - weniger Jugendliche?

Beitrag von S.L »

Holger hat geschrieben:Das eine mit dem anstrengenden Tag ist definitiv ein Problem, das andere kann mann z.B. mit einer Digital-Orgel zu Hause regeln. Nicht jeder kann sich ein Pfeifen-Übeinstrument leisten.
Auch eine Digital-Orgel kann sich nicht jeder leisten.
Holger

Re: Nachwuchsmangel - weniger Jugendliche?

Beitrag von Holger »

Naja - schau mal in die üblichen Verkaufsportale und Versteigerungsportale für gebrauchte Gegenstände.

Dort gibt es erschwingliche Lösungen.
S.L
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Re: Nachwuchsmangel - weniger Jugendliche?

Beitrag von S.L »

Holger hat geschrieben:Naja - schau mal in die üblichen Verkaufsportale und Versteigerungsportale für gebrauchte Gegenstände.

Dort gibt es erschwingliche Lösungen.
Ja, aber hier bewahrheitet sich leider oft das Sprichwort "Wer billig kauft, kauft teuer.".
S.L
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Re: Nachwuchsmangel - weniger Jugendliche?

Beitrag von S.L »

Solcena hat geschrieben:Trostreich für die Orgelbauer: Verdient man mit Renovierungen / Wartung nicht sowieso mehr als mit Neubauten? 8)
Laut Dieter Utz ja.
Aber es gibt dennoch keinen Anlass für Jubelstimmung.
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olds
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Re: Nachwuchsmangel - weniger Jugendliche?

Beitrag von olds »

Was man übrigens nicht vergessen sollte, ein Problem, das auch die "U-Musik" inzwischen stark betrifft:

"Handgemachte Musik" verschwindet immer mehr. Für HipHop und all die Lady-Gaga-Performances braucht man heutzutage kein Instrument mehr. Der Producer muss mit der Technik klarkommen, das war´s.

Dazu eine sehr spannende Anektdote:
Ich habe eine zeitlang pöhse-satanische 1970er-Rockmusik gemacht (Doors, Steppenwolf, Uriah Heep, ...). Bei einem kleinen Festival im Winter 2009 spielten wir zusammen mit zwei anderen Bands, u.a. eine verdammt gute Schülerband, die Jungs waren damals so 15, 16. Die kamen nach uns dran. Leider hatte ich damals nur eine alte Hohner, die aber bestimmte Hammond-Sounds recht gut rübergebracht hat.

Während wir also u.a. bestimmte orgellastige Klassiker und selbstgeschriebene Stücke spielten, klotzten "mich Organist" 30 Teenager verdattert an. Der Sänger von der Band kam im Anschluss auf die Bühne und meinte, dass er total fertig sei. Er habe noch nie erlebt und auch gar nicht gewusst, dass man mit sowas Musik macht.

Vor allem war er geschockt, dass ich Songs von den "Doors" wie im Original und auch zwei Sachen von uns auf auf einem seperaten zweiten Keyboard mit der Bass-Stimme versorgte. Ich schaffte es also links Basslinien zu spielen, rechts komplett andere Rhythmen und Melodien und dabei locker zu bleiben - nebst demonstrativ Schluck aus der Bierpulle.
Holger

Re: Nachwuchsmangel - weniger Jugendliche?

Beitrag von Holger »

Tja, die bösen "satanistischen "- und gerade im Metal-Bereich, Untergattung Gothic oder Mittelalter bzw. Celtic ist handgemachte Musik wieder total im kommen. Ich denk nur an das Konzert vom Sa mit der Gruppe "Faun" .... WOW ... unplugged.
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olds
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Re: Nachwuchsmangel - weniger Jugendliche?

Beitrag von olds »

Ay jo,

vor allem tummeln sich im Bereich "Krach" :lol: viele sehr gut ausgebildete Gitarristen und Schlagzeuger.

Aber eine bestimmte Sache fehlt halt: Die Orgel.... . Dass ich hier schreibe und Organist bin hat schlicht und einfach nur damit zu tun, dass mein Vater in den wilden 1960er und 1970er total begeistert für die Hammonds in den Rock-, Soul und Tanzbands war. Ihn interessierte nicht der Gitarrenmann oder der Schlagzeuger, er wollte diesen einen Sound und irgendwie kam das eine zum anderen und hier bin ich und kann nicht anders......
bluenote
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Re: Nachwuchsmangel - weniger Jugendliche?

Beitrag von bluenote »

Meiner Meinung nach liegt das mangelnde Interesse junger Leute am Instrument "Orgel" vor allem in zwei Punkten begründet.

1. G8.

Dieser Punkt wurde bereits erwähnt, und da ich mit 30 Klavierschülern/Woche gut gesegnet bin, bekomme ich das in der täglichen Arbeit hervorragend mit. Leute, die das Potential hätten, fit zu werden für Jugend musiziert bzw. Aufnahmeprüfung, können ihr Potential nicht ausschöpfen. Andere sind überlastet und überhaupt froh, wenn sie mal Zeit für Freunde haben. Also lieber Freunde treffen als das Instrument üben.

2. Überalterung der Gottesdienstbesucher und damit fehlende peer group

Diesen Punkt ist für mich der relevanteste. In normalen Gottesdiensten sind bei uns ca. 30 Leute, von denen 25 Ü60 sind. Neue Organisten zu gewinnen, die dann Unterricht nehmen, ist absolut schwierig bis unmöglich. Früher, als ich neuapostolisch war, sah dies (in den 70ern und 80ern) anders aus: Gottesdienstbesuch ca. 150 Leute aus allen Altersschichten, die auch jeden Sonntag im Gottesdienst waren. Innerhalb der Religionsgemeinschaft waren genug Gleichaltrige da, mit denen man einen Freundeskreis bildete und bei denen der Gottesdienst ein zentrales Element bildete. Wer Orgel spielte, erhielt von seiner Clique, seiner peer group, Respekt und Ansehen. Genau dies fehlt in meiner evangelischen Kirche vor Ort. Zwar finden die 30 Gottesdienstbesucher auch gutes Orgelspiel toll, allerdings wäre das Kompliment der Ü60-Personengruppe für einen Jugendlichen nicht so wichtig wie die Anerkennung aus einer eigenen Gruppe, dem Freundeskreis der Gleichaltrigen.

Aus meiner Unterrichtserfahrung heraus weiß ich, dass ein Schüler dann gut am Ball bleibt bzw. überhaupt Interesse am Instrument gewinnt, wenn er eine subjektive Sinnhaftigkeit in seinem Wirken sieht. Diese Erfahrung kommt meist durch Anerkennung der Freunde zustande, wenn er z.B. in der Schule oder unter Freunden was vorspielt und es alle toll finden, wenn er als Teil eines Schulorchesters part of the party sein kann und dort auch ein Teil seiner Freunde sind, wenn er später merkt, dass er beim anderen Geschlecht als Musizierender verzaubern kann.

Und dann: angenommen, man würde Orgel lernen. Da ist man alleine auf weiter Flur, weil die Kumpels aus der Schule und dem eigenen Freundeskreis es niemals mitkriegen würden, dass man Orgel spielt. Weil sie nicht in den Gottesdienst gehen, außer zur Kommunionszeit vielleicht. Und in der Gemeinde baut sich kein eigener Freundeskreis auf, weil kaum bzw. keine Gleichaltrige im Gottesdienst sind, die das mitbekommen würden. Man ist ein Nerd. Bewundert werden die Alphamännchen, und die suchen sich die Instrumente aus, mit denen sie Alphamännchen sein können. Und diese Instrumente sind dann präsent und entsprechend begehrt.

Ich glaube, dass sich das Problem nicht lösen lässt, ohne dass es lebendige Gemeinden gibt mit einer gleichmäßigen Altersstruktur. Wenn genügend junge Leute im Gottesdienst auftauchen, wird entsprechend ein Interesse vorhanden sein, es auch der Gruppe von Gleichaltrigen mal an der Tastatur zu zeigen.

Somit stellt sich für mich zuerst die Frage: wie erzielen wir eine junge Altersstruktur in unseren Gemeinden? Und bei dieser Frage sind Theologen und Musiker zusammen gefragt.
Holger

Re: Nachwuchsmangel - weniger Jugendliche?

Beitrag von Holger »

@olds:
Aber eine bestimmte Sache fehlt halt: Die Orgel....
Stimmt nicht ganz Corvus Corax hat eine ganze CD mit einem Organisten - solo - produziert. Ganz abgesehen von Produktionen mit Orchestern ...

Von der Musik mal ganz abgesehen - haben auch die Texte in dieser Musikgattung ihren ganz eigenen Reiz.
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