Orgelwelt-Veränderungen dank Corona

Informationen und Diskussionen zu allen Bereichen rund um die Orgel herum,
z.B. Vorstellung der eigenen Kirchengemeinde, Konzert- und Gottesdienstgestaltung, Konzertberichte, Sparmaßnahmen in der Gemeinde, Organisation, usw.
Antworten
Benutzeravatar
Administrator
Site Admin
Beiträge: 935
Registriert: Donnerstag 7. September 2006, 16:31
Wohnort: Celle
Kontaktdaten:

Orgelwelt-Veränderungen dank Corona

Beitrag von Administrator »

Liebe Orgelfreundinnen und Orgelfreunde,

in der Ankündigungs-Mail unseres aktuellen Newsletter schrieb ich:
es ist trotz Kontaktverbot, Einkaufsbeschränkungen und Kirchgangs-Verboten viel los in der Orgelwelt. Streaming, Youtube, Videos, Online-Andachten und viele andere viral bedingte Lösungen erobern unsere Orgelwelt. Bleibt das beständig? Oder ist es nur eine vorübergehende Hilfestellung in kirchloser Zeit?
Wie ist Eure Meinung dazu. Was hat sich bei Euch geändert, was davon wird bleiben, was wird - vielleicht zum Glück - wieder vergehen?
Herzliche Grüße

Daniel
(Admin)
_______________________________________
http://www.musik-medienhaus.de
http://www.orgel-information.de
http://www.buch-und-note.de
http://www.notenkeller.de

kernbeißer
Beiträge: 45
Registriert: Mittwoch 10. Januar 2018, 11:35
Wohnort: Aistaig

Re: Orgelwelt-Veränderungen dank Corona

Beitrag von kernbeißer »

Ein Ersatz für Orgelmusik "live" ist es definitiv nicht. Für mich geht nichts über Orgelmusik vor Ort, gemeinsam gehört und erlebt mit anderen.

Alles andere ist für mich eben nur zweidimensional, der Raum fehlt. Jede Aufnahme ist nur so gut wie das schwächste Glied in der Kette, Micro, Übertragungsweg und Endgeräte zu Hause. Und da kurvt mir viel zu viel "Kruscht" im Netz herum, so nach der Devise: "Mein Handy ist so toll und gut wie 2 x Schoeps" (letzterer Hersteller von High-End-Microfonen, die nicht zu unrecht ihren Preis haben).

Ich freue mich daher auf die Zeit "Post"-Corona, wenn man wieder "darf".

Benutzeravatar
olds
Beiträge: 347
Registriert: Donnerstag 26. Juli 2012, 08:43

Re: Orgelwelt-Veränderungen dank Corona

Beitrag von olds »

Auf den Gottesdienst bezogen hatten wir das Thema heute morgen nach dem Hochamt zu Fronleichnam.

Die Gemeinden sind derzeit gezwungen kreativer zu denken und alle Möglichkeiten des neuen Gotteslobes auszunutzen. Nach gut 15 Jahren habe ich so mal wieder ein von einer Schola vorgetragenes gregorianisches Sanctus erleben dürfen. Das Verständnis und die Freude für und an alten Formen wird so wieder geweckt.

Auch wurden von verschiedenen Personen Strophen eines nicht geläufigen Kirchenliedes gesprochen, während ich aber zu einem völlig anderen Lied "Fronleichnamsschlager"im Hintergrund improvisierte.

Betreffend digitaler Medien haben wir sicherlich den Schub, dass die Zwangslage die Kirchengemeinden in Bewegung gesetzt und Hemmschwellen beseitigt hat. Ein Ersatz für das "Live"-Erlebnis ist das alles aber sicherlich nicht.

Nicht nur für die Kirchen, auch für das "zivile Leben" sehe ich persönlich Corona aber als einen Katalysator an, der Entwicklungen vorgreift.

Die Besucherzahlen sind durchaus eingebrochen, viele ältere regelmäßiger Besucher kommen schon jetzt nicht mehr. Das Schreckensgespenst, was wir uns für in 3-5 Jahren ausgemalt haben, ist derzeit Realität. Fraglich, ob sich hier noch einmal eine Wende einleiten lässt.

stummorgel
Beiträge: 66
Registriert: Donnerstag 24. Mai 2012, 07:16

Re: Orgelwelt-Veränderungen dank Corona

Beitrag von stummorgel »

Guten Morgen!

Ich kann mal aus meinem Erfahrungsschatz beisteuern, da wir seit der Karwoche regelmäßig streamen und ich auch ein Ensemble einsetze, um zumindest Chor zu bieten.
Bisheriges Fazit: die gewohnt große Gemeinde nebst Gesang fehlt, das Gemeinschaftsgefühl ist dahin und die Gottesdienste werden irgendwie auch als "Not" empfunden. Keine Frage, wir machen viel, aber auf Dauer ist das alles eine Farce und weitab vom Althergebrachten. Ein großes Problem bildet die Chorfrage. Ob hier nochmal Normaität kommen wird, das sei dahingestellt.

Durch den massigen Ausfall einiger Sonntagsgottesdienste in kleineren Kirchen unseres Sprengels haben wir teils Orgeln, die seit 3 Monaten nicht mehr bespielt wurden.
Die seit Jahren zu beobachtende Schrumpfung an Studierenden der Kirchenmusik wird zunehmen und aktuell tun sich hier im Bistum die Hauptamtlichen nicht gerade durch Aktivität hervor.
Es sind vor allem die Nebenamtlichen und engagierte Priester, die etwas auf die Beine stellen, um dann vom Dechant gemaßregelt zu werden.
Ich möchte keinen Frust säen, aber hätte ich heute nochmal die Wahl, würde ich auf eine Beschäftigung unter diesen Umständen verzichten.

Der Orgelbau wird meines Erachtens eine empfindliche Klatsche erhalten, da spätestens in 2 Jahren mit den ESt-Erklärungen die Kirchensteuer deutlich einbricht, und damit Projekte ohnehin ad acta sind. Drohende Pfarreifusionen tun ihr übriges und mangelnder Gottesdienstbesuch und kastrierte Konzertmöglichkeiten bieten leider keine Basis, um das Instrument Orgel in den Fokus zu rücken. 4

Ich rechne ganz klar mit einem Orgelbauersterben, das wir ja jetzt schon haben. Die meisten halten sich ja nicht mit Neubauten über Wasser, sondern warten, reinigen, reparieren. Klar, die "Großen" bauen noch neu, aber nicht in D, sondern in China, Rußland, Norwegen... dann haben wir einige rein auf Restaurierung spezialisierte. Aber der Markt wird ausgedünnt. Denn wenn eine Orgel mal gereinigt ist, wird die nächsten 20 Jahre in aller Regel nichts mehr passieren.

Das größte Problem aber sehe ich darin, daß ja aktuell die Zeit wäre, vielleicht einmal die Strukturen zu überdenken. Brauchen wir all diese hochbetitelten Stellen, brauchen wir ein kirchengebundenes Sachverständigenwesen? Oder wäre es nicht besser, das Nebenamt zu forcieren, dort zu qualifizieren, die Besten entsprechend zu fördern, das Sachverständigenwesen zu reformieren und auf allgemeinere Basis zu stellen.
Das würde im Ende viel Geld sparen und vor Ort was bringen, stattdessen fusioniert man Pfarreien zu räumlichen Großmonstern und schafft Anonymität und massig Bürokratie.

Es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber die Kirche braucht, meines Erachtens, einen richtigen Crash, um aufzuwachen. Und der wird mit Corona eingeläutet. Wird uns alle irgendwie betreffen. Leider.
Aber wie oben schon erwähnt, das Fernbleiben von älteren Gottesdienstbesuchern und das Ausbleiben der jüngeren ist aktuell Realität und ich glaube nicht, daß hier eine große Rückkehr eintritt.

kernbeißer
Beiträge: 45
Registriert: Mittwoch 10. Januar 2018, 11:35
Wohnort: Aistaig

Re: Orgelwelt-Veränderungen dank Corona

Beitrag von kernbeißer »

Hinsichtlich der "hochbetitelten Stellen" möchte ich anmerken, dass wir schon fest angestellte, hauptamtliche Kirchenmusiker brauchen. Es gibt ja auch herausragende Stellen mit enntsprechendem kirchenmusikalischem Leben und Tradition, die niemals von ehrenamtlichen übernommen werden können.

Zum einen um die geforderten ehrenamtlichen Kirchenmusiker auszubilden und zum anderen um ein gewisses Niveau auch in diesem Bereich zu halten. Ich finde es für kirchliche Musiker, die ihre Berufung ernstehmen nicht besonders prickelnd, wenn diese noch einen "Beruf" nebenher ergreifen müssen, um sich über Wasser zu halten, wie dies vielfach in Frankreich der Fall ist. Der Titel ernährt eben nicht, und die dortigen Honorare sind oft mehr als mager. Und hier entsprechende "Leistungen" zu erwarten ist anmaßend.

Ob Kirchensteuer und Orgelbautätigkeit in einem Zusammenhang zu sehen - vielleicht, wenn durch Gemeindezusammenlegungen Kirchen geschlossen werden und Orgeln dann "übrig" sind. Dies kann im eurpäsischen Raum oft beobachtet werden. Aber in D ist es immer noch so, dass die "Kirche ins Dorf" gehört, da sind wir noch gut dran. Im städtischen Umfeld kann dies schon anders sein. Orgelneubau ist ja i.d.R. Gemeindesache und von dieser selbst zu finanzieren, durch Spenden, also abgekoppelt von der Kirchensteuer.

Prominentes Beispiel einer solchen Profanierung ist wohl die Dominikaner-Kirche in Münster, die 2017 nicht mehr im kirchlichen Dienst steht (s. Ars Organi 2/2020). Die Orgel (Paul Ott 1958 - gebaut für den Fürstenbergsaal der Universität) wurde ausgelagert und kommt jetzt erfreulicherweise nach Überlingen/Bodensee. Somit findet in dieser münsteraner Kirche, die wohl kirchenmusikalisch traditionell gut ausgestattet war, in dieser Richtung nichts mehr statt. Hier ist einfach kein Bedarf mehr.

Da die meisten Kirchenorgeln auch im Eigentum der Kirche stehen, wird sich ein kirchliches Sachverständigenwesen wohl auch nicht vermeiden lassen, egal ob es uns gefällt oder nicht. Und viele Orgeln stehen nicht unter Denkmalschutz - da hat dann die Denkmalpflege Einfluss und Mitsprache. Was dann besser ist - ???

Ob nun die Corona-Krise alleinig verantwortlich für einschneidende Veränderungen in den Kirchen des Landes ist - sei dahingestellt. Vielleicht nur ein beschleunigender Katalysator des allgemein feststellbaren schleichenden Siechtums. Ein "Aufwachen" - nun dazu sind mir die bestehenden Strukturen oft zu verkrustet, um dahingehend Hoffnung zu schöpfen.

Antworten