Spätmittelalterliche Orgel in Amsterdam rekonstruiert

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Roland Eberlein
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Spätmittelalterliche Orgel in Amsterdam rekonstruiert

Beitrag von Roland Eberlein »

Im »Orgelpark Amsterdam« wurde am 21.4.2012 die sogenannte »van Straten-Orgel« eingeweiht. Es handelt sich dabei um eine von der Firma Reil erstellte Kopie bzw. Rekonstruktion der Orgel, die Peter Gerritsz 1479 in der Nicolaikerk in Utrecht erbaute und die in umgebauter Form erhalten geblieben ist; der Prospekt stand in den letzten Jahrzehnten in der Koorkerk von Middelburg: http://orgel.edskes.com/img/kerk_middel ... _09039.jpg
Die original erhaltenen Teile der Gerritsz-Orgel wurden für das Instrument im Orgelpark kopiert, die übrigen Teile entsprechend dem heutigen Kenntnisstand rekonstruiert. Die Disposition des Instruments im Orgelpark lautet:

Hauptwerk (Kontra-HCD-f'')
Principalplenum (Blockwerk) 7-18fach (8')

Oberwerk (F-f'')
Doof (Principal) 2-3 fach (4'?), F-e transmittiert aus Hauptwerk
Positie (Mixtur) 4-8 fach (H-f2)
Cimbel 3 fach (f0-f2)

Pedal (FGA-f0)
Bourdonnen (8'?)

Tonhöhe: a' = 388 Hz
Temperatur: Mitteltönig (Quinten 1/4 syntonisches Komma zu klein)

Die Tasten sind breiter als heute üblich.
Die Fußtonzahlen fehlen leider in der Beschreibung der Orgel durch den Orgelpark, siehe: http://www.orgelpark.nl/pages/orgelpark ... ratenorgel
Etwas seltsam muten die ganz unterschiedlichen Tonumfänge der Register im Oberwerk an. Da vom originalen Oberwerk nichts erhalten ist, scheint das eine moderne Lösung für die Platzprobleme im Gehäuse zu sein; möglicherweise sah die Lösung, die Gerritsz gewählt hat, anders aus. Paul Peeters vermutete in einem Artikel in Acta organologica 22, 1990, daß das Oberwerk einen kleineren Tonumfang H-f'' hatte und möglicherweise auch keine Cimbel besaß. Die Pedal-Bordunen waren nach Peeters aus dem Hauptwerk transmittiert; in der Rekonstruktion hat man diese Transmissionskanzellen offenbar dem Doof des Oberwerks zugeordnet und dem Pedal eine eigene Lade gegeben, wie im Original vorhanden, dort aber mit einer neueren Trompete 8' statt Bordunen besetzt.

Unter dieser Adresse http://www.reil.nl/orgel/amsterdam_orge ... /18698/nl/ findet sich auch eine Abbildung der Orgel. Die Orgel besitzt bemalte Flügeltüren, die dem Original heute fehlen; die Malerei von Kik Zeiler lehnt sich an den Malstil des 15. Jahrhunderts an. Auf die geschnitzten Ornamente des Originalgehäuses wurde (bisher?) weitgehend verzichtet; daher sieht der Prospekt deutlich karger und strenger aus als das Original, zumal letzterem in der Renaissance ein prachtvoller Rückpositiv-Prospekt hinzugefügt worden ist (Bilder: http://orgel.edskes.net/kerk_middelburg_koorkerk.htm )

Die neue Orgel im Orgelpark Amsterdam dürfte die derzeit einzige Möglichkeit auf der Welt sein, einen einigermaßen realistischen Klangeindruck von einer spätmittelalterlichen Orgel zu erhalten.
Roland Eberlein
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Re: Spätmittelalterliche Orgel in Amsterdam rekonstruiert

Beitrag von Roland Eberlein »

Kleine Ergänzung: Es gibt schon Klangbeispiele der van Straten-Orgel auf YouTube:
http://www.youtube.com/watch?v=0GPm-SI_tDk
http://www.youtube.com/watch?v=jKJZj4LDy_0
Roland Eberlein
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Re: Spätmittelalterliche Orgel in Amsterdam rekonstruiert

Beitrag von Roland Eberlein »

Je länger man sich mit den Bildern und Tonbeispielen der van Straten-Orgel befaßt, desto mehr Fragen werfen sie auf hinsichtlich der Glaubwürdigkeit der Rekonstruktion.

Besonders überrascht mich das offene Gehäuse ohne Rückwand und Dach, bei gleichzeitiger Anwesenheit von Flügeltüren. Denn das Gehäuse des Originals ist eindeutig geschlossen durch ein Dach. Daß Flügeltüren ursprünglich wohl vorhanden waren und später abmontiert wurden, als der Mittelturm zu einem Spitzturm umgebaut wurde, läßt sich wohl nachvollziehen; von den Scharnieren wird es sicher noch Spuren geben. Daß aber Dach und Rückwand ursprünglich fehlten, daß also die Orgel zum Schutz vor Verstaubung mit Flügeltüren versehen wurde und gleichzeitig nach hinten und nach oben offen gelassen wurde, so daß der Staub ungehindert hineinrieseln kann und die Flügeltüren für die Katz' sind – das glaube ich nie und nimmer. Entweder oben offen und ohne Flügeltüren, oder oben geschlossen und mit Flügeltüren nach dem Vorbild der Flügelaltäre, alles andere ergibt keinen Sinn. Die Rekonstruktion ist in diesem Punkt eindeutig Unsinn.

Wenn schon in diesem vergleichsweise einfachen Punkt ganz offensichtlicher Blödsinn realisiert wurde, wird man natürlich bei anderen Punkten um so skeptischer. War der Prospekt wirklich ursprünglich mit horizontalen Halteleisten für die Pfeifen verunstaltet? Ich kann bei Fotographien des Originals selbst mit starker Vergrößerung keinerlei Spuren von Verzapfungen für die Halteleisten erkennen. Wurde da etwa auch willkürlich vorgegangen?? Tatsächlich stehen die Prospektpfeifen in der van Straten-Orgel eindeutig etliche Zentimeter hinter den Gehäuseleisten, während sie im Original zwischen den Gehäuseleisten stehen, so daß Halteleisten überhaupt nicht angebracht werden können. Schon wieder eine klare Differenz zum Original! Woran will man erkennen, daß die Orgel ursprünglich keine Prospektstöcke hatte und die Prospektpfeifen unmittelbar auf der Lade standen?

Bereits erwähnt wurde die eigenartige Zuordnung der Transmissionskanzellen der Hauptwerkslade zum Obermanual statt zum Pedal, mit der Folge, daß das Pedal eine eigene Pfeifenreihe auf eigener Lade an der Rückseite der Orgel erhält. Diese Pfeifen sind natürlich akustisch stark benachteilt, so daß sie die musikalische Funktion, welche die Bourdonen im 15. Jahrhundert hatten – nämlich den Vortrag des Cantus firmus in der Unterstimme, während eine oder zwei freie Oberstimmen auf dem Positiv gespielt werden – gar nicht vernünftig ausführen können! Sollte hier etwa das Doof des Positivs einen möglichst großen Tonumfang bekommen, damit man möglichst viel überlieferte Literatur aus späterer Zeit darauf ausführen kann??

Nicht weniger Skepsis löst die mitteltönige Stimmung der Orgel aus. Immerhin kann man bezüglich der Stimmung auf die erhaltenen Pfeifen verweisen, die zweifellos irgend wann mitteltönig eingestimmt wurden – aber ob dies wirklich schon 1479 geschah? Warum stimmte man nicht pythagoreisch nach Henri Arnaut ca. 1440? Oder wenn es denn unbedingt eine Stimmung mit vielen reinen Terzen sein soll: warum dann nicht nach Arnolt Schlick 1511 (eine Variante der mitteltönigen Stimmung), sondern ausgerechnet nach Michael Praetorius im frühen 17. Jahrhundert?? Fragen über Fragen ...
Roland Eberlein
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Re: Spätmittelalterliche Orgel in Amsterdam rekonstruiert

Beitrag von Roland Eberlein »

Inzwischen habe ich noch einmal in dem Buch von Jan van Biezen »Het Nederlandse Orgel in de Renaissance en de Barok ...« nachgelesen, was sich aus dem heutigen Befund über die ursprüngliche Orgel von Peter Gerritsz ableiten läßt. Gerritsz' Blockwerkslade besitzt 42 Töne, die heute für einen Manualumfang von FGA-c''' mit 16' als Prospektreihe genutzt werden. Da die Obergrenze c''' für 1479 unwahrscheinlich ist und der Prospekt sichtlich verändert wurde durch Umbau des ursprünglich flachen Mittelturms zu einem Spitzturm, um 2 weitere große Pfeifen unterbringen zu können, ist davon auszugehen, daß die Orgel ursprünglich einen anderen Tonumfang hatte. Dafür kommt bei einer Orgel aus dem 15. Jahrhundert der Beginn auf einem H und das Ende auf f'' in Frage. Die 42 Töne könnten folglich ursprünglich den Tonumfang von Kontra-H, C, D-f'' gebildet haben, nun bezogen auf einen 8' als Prospektreihe. Als man 1547 diesen Tonumfang abändern wollte in den heute vorhandenen Tonumfang, stand man vor dem Problem, daß man bei konstantem Stimmton nicht ein 16'-F in ein Gehäuse setzen kann, das für ein 8'-Principal mit Kontra-H gebaut wurde. Das Problem wurde so gelöst, daß die ursprünglich sehr tiefe Stimmung um eine kleine Terz erhöht wurde, so daß die bisherigen C-Pfeifen der 8'-Reihe als A-Pfeifen einer 16'-Reihe dienen können; es müssen dann nur zwei tiefere Pfeifen F und G in den Prospekt eingegliedert werden; das ließ sich durch den Umbau des Mittelturmes zum Spitzturm machen.

Das ursprüngliche Oberwerk wurde bei diesem Umbau 1547 komplett ersetzt, nur das ursprüngliche Wellenbrett wurde wiederverwendet. Es zeigt heute noch, daß ursprünglich 30 Töne bedient wurden. Tatsächlich hat der Oberwerksprospekt auch heute noch einen Tonumfang von 30 Doppelpfeifen FGA-d'' in 4'-Tonhöhe. Aber 2 Pfeifen haben verkürzte Füße, offenbar mußten zwei Pfeifen mit größeren Körpern untergebracht werden als 1479 geplant. Offenbar wurde ein ursprünglicher Tonumfang HCD-f'' analog zum Vorgehen im Hauptwerk abgeändert in einen Tonumfang FGA-d'' (d.h. mit Stimmtonveränderung um eine kleine Terz nach oben und Hinzufügen von 2 tieferen Pfeifen). Auf der neuen Lade wurde die Prospektreihe fortgesetzt bis c'''.

In der Rekonstruktion im Orgelpark Amsterdam hat das Oberwerk jedoch nicht den am Original nachweisbaren ursprünglichen Tonumfang HCD-f'', sondern den Umfang F-f'' (sogar inclusive Fis und Gis, was auch für das 16. Jahrhundert untypisch ist), wobei das Register Doof auf den Tasten F-e aus dem Hauptwerk transmittiert ist. Im Prospekt mußten natürlich trotzdem Doppelpfeifen ab H eingestellt werden. Offenbar wurden die Prospektpfeifen H-e nicht für das Doof, sondern für die Positie verwendet, weshalb diese auf dem Ton H beginnen muß. Die Cimbel wiederum steht auf der Doof-Lade, kann folglich erst bei f beginnen.

Ganz offensichtlich ist das Oberwerk in grob verfälschender Weise »rekonstruiert« worden. Man wollte unbedingt einen größeren Tonumfang ab F, um Musik aus dem 16. Jahrhundert spielen zu können. Um das zu ermöglichen veränderte man das ursprüngliche Konzept ganz gravierend: Um die tiefen Töne zu erhalten, wurden fälschlich die Pedaltransmissionskanzellen mit dem Oberwerk verbunden. Die Positie mußte die nun überzähligen Prospektpfeifen aufnehmen und wurde daher unangemessen groß und basierend auf einer 4'-Reihe statt einer 2'-Reihe besetzt. Die Zimbel konnte nicht den vollen Tonumfang erhalten, ist also in der linken Hand nicht zu gebrauchen. Das Pedal mußte eine eigene Lade und eigene Pfeifen erhalten, die es 1479 nicht besaß. Diese Pfeifen sind akustisch so ungünstig an der Rückwand der Orgel aufgestellt, daß sie a) ihre Funktion als Cantus-firmus-Träger nicht so ausführen können, wie dies 1479 gedacht war und b) leicht beschädigt werden können durch die Kalkanten, die knapp vor diesen Pfeifen stehen und ihnen den Rücken zukehren – ein unbedachter Schritt nach hinten, und die Pfeifen haben Beulen!

Über die ursprüngliche Besetzung der Positie und der Cimbel im Oberwerk ist natürlich absolut nichts bekannt; es gibt auch keine überlieferten Vorbilder. Was hier realisiert wurde, ist im Grunde freie Fantasie.

Bedenkt man nun noch das offene Gehäuse (das ja den Klang anders beeinflusst als ein geschlossenes Gehäuse) und die unzeitgemäße Stimmung, so kommt man zu dem Ergebnis: Diese »Rekonstruktion« ist wissenschaftlicher Kokolores, sie verdient den Namen »Rekonstruktion« nicht, und erst recht nicht die Bezeichnung »Kopie«. Sie ist oberflächlich und z.T. bewußt verfälschend gemacht. Sie dient ähnlich wie 1921 die »Praetorius-Orgel« in Freiburg dazu, unwissende Konzertbesucher in dem Gefühl zu wiegen, sie würden jetzt den authentischen Klang einer Orgel aus fernen Jahrhunderten, in diesem Fall aus dem 15. Jahrhundert, vorgeführt bekommen. Bei Orgellaien wird dies zweifellos funktionieren, nur Fachleute werden sich (hoffentlich) nicht durch dieses Machwerk betrügen lassen. Beim Bau dieser Orgel wurde mutwillig eine einmalige Chance vertan.
Roland Eberlein
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Re: Spätmittelalterliche Orgel in Amsterdam rekonstruiert

Beitrag von Roland Eberlein »

Hinsichtlich der auffälligen Abweichungen zwischen dem Prospekt der sogenannten »Rekonstruktion« und dem des veränderten Originals ist noch anzufügen, daß eine eingehende Untersuchung des Originalprospektes auf Hinweise hinsichtlich des ursprünglichen Zustands überhaupt nicht stattgefunden haben kann. In der neuesten umfassenden Veröffentlichung zur Gerritsz-Orgel »Nederlandse orgelmonografieën 10: Het oude orgel van de Nicolaikerk te Utrecht. Kroongetuige van de Nederlandse muziekgeschiedenis«, hgg. von Henk Verhoef, erschienen 2009, bekennen die Verfasser auf Seite 210, daß ihnen eine genaue Untersuchung des Prospektes nicht möglich war. Das hat sich auch in den letzten 3 Jahren nicht geändert, denn nach wie vor wird vor den niederländischen Gerichten ein erbitterter Streit um das Original ausgetragen, der eine Abtragung und genaue Untersuchung des Originalgehäuses bislang unmöglich gemacht hat. Mithin sind z.B. die zusätzlichen Halteleisten im Prospekt der »Rekonstruktion« pure Spekulation, sie basieren nicht auf gesicherten Erkenntnissen über die ursprüngliche Prospektgestalt.

Trotz aller Kritik an den Details der sogenannten »Rekonstruktion« möchte ich doch auf eine interessante Beobachtung hinweisen, welche die Klangbeispiele auf YouTube ermöglichen: Dreiklänge, die auf dem Blockwerksplenum des Hauptwerks oder auf dem Plenum des Positivs gespielt werden, klingen in unseren Ohren irgendwie fremd und überraschend dissonant, sie wirken irgendwie verunklart durch fremdartige Beimischungen. Ursache hierfür sind die tiefen Quintreihen, welche das Blockwerk und die Positie zumindest im Diskant enthalten: Sie erzeugen im Dreiklang eine Nonen- oder große Sekundreibung sowie eine große Septimen- oder kleine Sekundreibung. Diese Reibungen waren sehr wahrscheinlich typisch für die Blockwerksorgeln vor ca. 1490. Aus Äußerungen von Arnolt Schlick im »Spiegel der Orgelmacher und Organisten« (1511) geht hervor, daß diese Reibungen die Ursache waren für die ab ca. 1490 einsetzende Entwicklung zum »scharfen«, silbrigen Plenumklang mit sehr hochklingenden, repetierenden Reihen: Die tiefen Quint- und Duodezimreihen wurden ersetzt durch hochklingende Oktav- und Quintreihen, welche die Akkorde weniger verunklaren.

Eine weitere interessante Erfahrung in den Klangbeispielen ist die Wirkung der »groben Zimbel« bestehend aus relativ tiefklingenden Reihen ohne Repetitionen; diese Zimbel ähnelt klanglich in keiner Weise den heutigen Zimbelregistern. Leider geht aus den bisher bekannten Texten über die »Rekonstruktion« nicht hervor, welche Zusammensetzung der Zimbel gegeben wurde, von daher läßt sich auch nicht beurteilen, ob sie einigermaßen realistisch für eine Zimbel des späten 15. Jahrhunderts ist.

Anders als Blockwerk, Positie und Zimbel kommt das Doof (der Prästant des Oberwerks mit Doppelpfeifen) unseren heutigen Hörgewohnheiten schon sehr nahe – es ist wirklich ein hervorragendes Principalregister, Kompliment an die Firma Reil! Allerdings stammt das als Vorbild dienende Register des Originals nicht von 1479, sondern von 1547. Möglicherweise würde uns heute ein Principal von 1479 weniger gut gefallen.
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