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Weitchorregister 2‘ in der rheinischen Barockorgel

Verfasst: Freitag 16. Oktober 2020, 16:19
von Solcena
Hallo,

mir fällt bei Orgeln meiner Heimatregion Eifel(-Mosel-Hunsrück) auf, dass in den erhaltenen Stumm- und König-Orgeln eigentlich keine Weitchorregister in der 2‘-Tonlage vorhanden sind; man korrigiere mich bitte, wenn es anders sein sollte ...

Ist dies lediglich ein Charakteristikum von Stumm und König, oder gibt es andere OB der Barockzeit in dieser Region, die Weitchorregister 2‘ gebaut haben? Existieren andere Orgellandschaften, wo ebenfalls keine weiten 2‘ in der Barockzeit gebaut wurden? Gemshörner und Wald- oder Blockflöten habe ich schon in niederländischen, norddeutschen, süd- und mitteldeutschen Dispositionen gesehen, wo sie - vor allem ab einer gewissen Orgelgröße - recht regelmäßig auftauchen.

Weiß jemand, wo erstmalig labiale weite 2‘ disponiert wurden, d.h. von wo aus nahmen diese ihren Ursprung?

LG
Martin

Re: Weitchorregister 2‘ in der rheinischen Barockorgel

Verfasst: Samstag 17. Oktober 2020, 16:48
von violdigamb
Hallo Martin,

in der 3. Generation von Stumm kommt gelegentlich das Register "Waldflöte 2'" vor und zwar immer zusätzlich zur "Octav 2'". Bei den mir bekannten dieser allesamt einmanualigen Orgeln (z.B. Flomborn 1783, Selzen 1791) gibt es dafür keine Terz. Im 19. Jh. gibt es dann hin und wieder weite 2'-Register bei Stumm (z.B. "Flautine 2'" in Reichenbach 1864).

Viele Grüße,

violdigamb

Re: Weitchorregister 2‘ in der rheinischen Barockorgel

Verfasst: Samstag 17. Oktober 2020, 21:00
von Solcena
Danke für den Hinweis auf die späteren Stumm! Also scheint sich im Laufe des 18. Jhdt. der Geschmack gewandelt zu haben - bei früheren Stummorgeln findet man ja oft als Charakteristikum neben 2‘-Prinzipalen das andere Extrem (also eng statt weit), das repetierende Salicional 2‘/4‘.

Re: Weitchorregister 2‘ in der rheinischen Barockorgel

Verfasst: Samstag 17. Oktober 2020, 23:41
von kernspalter
Zur König-Orgel in Ahrweiler ist folgende Disposition überliefert:

Hauptwerk
Principal 8'
Octav 4'
Superoctav 2'
Mixdur 4fach
Mixdur minor 3fach
Cornet 3fach B+D
Nasart 2fach halbiert
Solcenna 2fach 4'
Suppas 16'
Bortun 8'
Copel 8'
Flettdoße 4'
Baumflett halbiert 2'
Trompete 8'

Brustpositiv
Principal 4'
Superoctav 2'
Nasart 2fach
Mixtur 3fach
Copel 8'
Fletdose 4'
Flaginett halbiert
Voxhumana 8'

Pedal
Supass 16'
Octav pass 8'

https://orgelbau-klais.com/_klais/bilde ... Koenig.pdf

Re: Weitchorregister 2‘ in der rheinischen Barockorgel

Verfasst: Sonntag 18. Oktober 2020, 21:30
von violdigamb
Hallo Martin,

das charakteristische repetierende Salicional 2' - 4' bei Stumm lässt sich hinsichtlich seiner klanglichen und musikalischen Verwendbarkeit nicht ohne Weiteres mit einem "normalen" 2'-Register vergleichen. Durch die enge Mensur und die oft überraschend kräftige Intonation wirkt es vor allem im Zusammenspiel mit mehreren Registern im Baßbereich stark aufhellend - fast wie ein zusätzlicher Mixturchor. Etwas ähnliches gibt es auch bei Syer (Ober-Rosbach; 1759) in Form einer zweimal repetierenden Cimbel in Streichermensur (C: 1' - c°: 2'+1' - c': 4'+2'). Ein solches Register, allerdings einchörig (C: 1' - c°: 2' - c': 4') hat auch die 1787 durch den Wormser Orgelbauer Jaeckel eingebaute Orgel der Kleinen Kirche in Osthofen. Dieses Instrument ist offensichtlich einige Jahrzehnte älter und weist hinsichtlich der Prospektgestaltung in Richtung Pfalz (Hartung, Senn...). Ein durchgehendes Salicional 2' gibt es bei Schöler (Kloster Altenberg 1757), ein Flageolet 2' im Unterpositiv der Wegmann-Orgel in Jugenheim (dort allerdings rekonstruiert). Bei Stumm existiert übrigens eine Ausnahme hinsichtlich des Repetitionspunktes: Salicional 2' repetiert in Kleinich (1809) erst bei c'' in den 4'.

Viele Grüße,

violdigamb

Re: Weitchorregister 2‘ in der rheinischen Barockorgel

Verfasst: Sonntag 18. Oktober 2020, 21:44
von violdigamb
Hallo Martin,

das charakteristische repetierende Salicional 2' - 4' bei Stumm lässt sich hinsichtlich seiner klanglichen und musikalischen Verwendbarkeit nicht ohne Weiteres mit einem "normalen" 2'-Register vergleichen. Durch die enge Mensur und die oft überraschend kräftige Intonation wirkt es vor allem im Zusammenspiel mit mehreren Registern im Baßbereich stark aufhellend - fast wie ein zusätzlicher Mixturchor. Etwas ähnliches gibt es auch bei Syer (Ober-Rosbach; 1759) in Form einer zweimal repetierenden Cimbel in Streichermensur (C: 1' - c°: 2'+1' - c': 4'+2'). Ein solches Register, allerdings einchörig (C: 1' - c°: 2' - c': 4') hat auch die 1787 durch den Wormser Orgelbauer Jaeckel eingebaute Orgel der Kleinen Kirche in Osthofen. Dieses Instrument ist offensichtlich einige Jahrzehnte älter und weist hinsichtlich der Prospektgestaltung in Richtung Pfalz (Hartung, Senn...). Ein durchgehendes Salicional 2' gibt es bei Schöler (Kloster Altenberg 1757), ein Flageolet 2' im Unterpositiv der Wegmann-Orgel in Jugenheim (dort allerdings rekonstruiert). Bei Stumm existiert übrigens eine Ausnahme hinsichtlich des Repetitionspunktes: Salicional 2' repetiert in Kleinich (1809) erst bei c'' in den 4'.

Viele Grüße,

violdigamb

Re: Weitchorregister 2‘ in der rheinischen Barockorgel

Verfasst: Sonntag 18. Oktober 2020, 23:43
von kernspalter
violdigamb hat geschrieben: Sonntag 18. Oktober 2020, 21:44Ein durchgehendes Salicional 2' gibt es bei Schöler (Kloster Altenberg 1757)
Bei Schöler trifft man auch hier und da eine Waldflöte 2' an, z. B. in Gemünden (ist natürlich schon sehr weit rechtsrheinisch...)

Re: Weitchorregister 2‘ in der rheinischen Barockorgel

Verfasst: Montag 19. Oktober 2020, 07:48
von Solcena
Danke für die interessanten Beiträge!
Die Idee, den Bassbereich aufzuhellen, zeigt sich ja bei Stumm auch in der ebenfalls charakteristischen Vox Angelika 2‘, einer Zunge, die nur im Bass des Hauptwerks disponiert ist.
Dass König auch einmal eine „Baumflett halbiert“ (cooler Name!) gebaut hat, wusste ich nicht. Es scheint aber bei ihm eher eine Ausnahme gewesen zu sein ...
Schon wieder was gelernt!

Re: Weitchorregister 2‘ in der rheinischen Barockorgel

Verfasst: Montag 19. Oktober 2020, 07:57
von kernspalter
Bei der "Baumflett" halte ich einen Lesefehler nicht für ausgeschlossen. Der Name ist mir sonst noch nie begegnet. Vielleicht heißt es im Original "Baurnflett"?

Re: Weitchorregister 2‘ in der rheinischen Barockorgel

Verfasst: Montag 19. Oktober 2020, 10:21
von Solcena
Durchaus möglich, wenngleich auch ein Bezug zur Waldflöte - oder evtl. zum Material (Holz?) - denkbar wäre. :wink: