Orgelbau(er) in der Frühen Neuzeit: Ausschreibung, Auftragsvergabe etc.

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Mundus
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Orgelbau(er) in der Frühen Neuzeit: Ausschreibung, Auftragsvergabe etc.

Beitrag von Mundus » Dienstag 8. Januar 2019, 14:26

Hallo zusammen,

nach längerer Abstinenz meld ich mich mald wieder zu Wort. Wieder mal treibt mich ein geschichtliches Thema um.

Wenn in der Frühen Neuzeit Orgelbaumaßnahmen (Reparaturen, Neubauten, Stimmen...) anstanden, wie lief das ab? Wie kommunizierten die Auftraggeber mit den Orgelbauern, wie wurde verhandelt usw.?

Gibts da Literatur?

Liebe Grüße

kernspalter
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Re: Orgelbau(er) in der Frühen Neuzeit: Ausschreibung, Auftragsvergabe etc.

Beitrag von kernspalter » Dienstag 8. Januar 2019, 14:57

Im Grunde lief es genauso ab wie heute. Reparaturbedarf wurde normalerweise von den Organisten angemeldet; der Bauherr holte Kostenvoranschläge ein und kümmerte sich um die Finanzierung, die entweder durch Etatmittel oder durch Spenden/Umlagen abgedeckt wurde; es wurde mit dem favorisierten Orgelbauer ein Vertrag unterzeichnet; zur Abnahme der Orgel wurde oft ein auswärtiger Sachverständiger (oder mehrere) bestellt, und wenn alles in Ordnung war, erhielt der Orgelbauer seine letzte Rate ausbezahlt.

Im Unterschied zu heute kam es häufiger vor, daß der Bauherr die bürgerliche Gemeinde oder ein Adliger war.
Ein amtliches Sachverständigenwesen gab es nicht; der Bauherr entschied von Fall zu Fall, wen er als Sachverständige beizog.
Die Dispositionen wurden seltener vom Sachverständigen oder Organisten vorgegeben, meistens konnten die an der Ausschreibung beteiligten Orgelbauer ihre eigenen Dispositionsvorschläge einbringen.
Es kam häufiger vor, daß Orgelteile erst vor Ort angefertigt wurden. Der Transport von Metallpfeifen auf Fuhrwerken war auf holprigen Straßen ja durchaus heikel, so daß in der Werkstatt mitunter nur die robusteren Teile wie Windladen vorgefertigt wurden.
Reparaturbedarf entstand oft an den Balganlagen, die hohem Verschleiß unterlagen und deren Versagen zu dramatischen Störungen führte. Kleine Reparaturen wurden aber oft vom Organisten oder einem ortsansässigen Schreiner ausgeführt.
Mitunter waren Orgelbauer privilegiert. Dann wurde keine Ausschreibung vorgenommen, sondern der Auftrag automatisch an den zuständigen Hoforgelbauer o. ä. vergeben.
Zuletzt geändert von kernspalter am Dienstag 8. Januar 2019, 22:59, insgesamt 1-mal geändert.
Mit kernspalterischen Grüßen

Mundus
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Re: Orgelbau(er) in der Frühen Neuzeit: Ausschreibung, Auftragsvergabe etc.

Beitrag von Mundus » Dienstag 8. Januar 2019, 20:23

Vielen Dank für die Antwort!
Im Unterschied zu heute kam es häufiger vor, daß der Bauherr die bürgerliche Gemeinde oder ein Adliger war.
Wann war denn das der Fall, dass der Gemeinde die Orgel gehörte? Mir sind da die Städte der Niederlande bekannt, wie war das bei Freien Reichsstädten oder normalen Stadtkirchen in Nicht-Reichsstädten?
Es kam häufiger vor, daß Orgelteile erst vor Ort angefertigt wurden.
Dann wurde wohl eine Werkstatt angemietet oder vom Bauherrn zur Verfügung gestellt (bei Klöstern sicher einfacher als bei anderen Auftraggebern).

Gibt es da Bücher/Aufsätze dazu, die sich ausschließlich mit dem Thema beschäftigen?

kernspalter
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Re: Orgelbau(er) in der Frühen Neuzeit: Ausschreibung, Auftragsvergabe etc.

Beitrag von kernspalter » Dienstag 8. Januar 2019, 22:58

Mundus hat geschrieben:
Dienstag 8. Januar 2019, 20:23
Wann war denn das der Fall, dass der Gemeinde die Orgel gehörte? Mir sind da die Städte der Niederlande bekannt, wie war das bei Freien Reichsstädten oder normalen Stadtkirchen in Nicht-Reichsstädten?
Das war in Reichsstädten und Nicht-Reichsstädten häufig der Fall. Gerade habe ich bei Hans Nadler, Orgelbau in Vorarlberg und Liechtenstein geblättert, der vorbildliche flächendeckende Quellenarbeit betrieben hat. Die Orgelbauten des 17. Jahrhunderts in den Städten Bregenz, Feldkirch und Bludenz (alles Nicht-Reichsstädte) wurden immer vom Stadtrat in Auftrag gegeben, auch die Anstellung des Organisten war Sache der Stadt.

In Bludenz beschloß 1682 der Stadtrat einen Orgelumbau, der offensichtlich "nicht die Zustimmung des Stadtpfarrers gefunden" hat, dieser zeigte sich "ganz unwirsch", aber es half nichts: Der Orgelbauer hatte einen Vertrag mit der Stadt, und der Stadtrat pochte auf die Einhaltung des Vertrags.

Die Orgelgehäuse wurden oft nicht vom Orgelbauer hergestellt, sondern von der ortsansässigen Schreinerwerkstatt, ggf. vom privilegierten Hofschreiner. Das konnte zu Problemen führen, davon zeugt z. B. die (relativ kleine) Balthasar-König-Orgel in Niederehe, wo der Orgelbauer zu zahlreichen behelfsmäßigen Manipulationen gegriffen hat, um Mechanik, Windlade und Prospektpfeifen unterzubringen.

Ein Buch, das auf all diese Fragen eingeht, ist mir nicht bekannt.
Mit kernspalterischen Grüßen

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