Rudolf von Beckerath Orgelbau (Hamburg)

Diskussionen rund um Orgelneubau, Orgelrestauration, Register, Technik, usw.
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Principalbass16Fuss

Rudolf von Beckerath Orgelbau (Hamburg)

Beitrag von Principalbass16Fuss »

Hallo und herzlich willkommen! :)

Als Neu-Mitglied in diesem Orgel-Forum und langjähriger Freund von Orgeln der Firma Rudolf von Beckerath (Hamburg) habe ich diesen Themenbereich gegründet und würde mich freuen, demnächst von weiteren "Verehrern" dieser klangschönen Instrumente zu hören... :wink:

Viele Grüße,

Principalbass16Fuss
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hintersatz
Beiträge: 143
Registriert: Samstag 25. Oktober 2008, 15:28
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Re: Rudolf von Beckerath Orgelbau (Hamburg)

Beitrag von hintersatz »

Principalbass16Fuss hat geschrieben:Hallo und herzlich willkommen! :)
..habe ich diesen Themenbereich gegründet und würde mich freuen, demnächst von weiteren "Verehrern" ..
Principalbass16Fuss
Also eine Art Hausaltärchen für den Verblichenen, sehr lobesam.
Principalbass16Fuss

Re: Rudolf von Beckerath Orgelbau (Hamburg)

Beitrag von Principalbass16Fuss »

Hallo hintersatz,

Vielen Dank für Deine erste Äußerung zu meinem "Beckerath-Themenkreis! :D Habe mich sehr gefreut. Du bist also auch ein Freund von Beckerath-Orgeln? Hast Du schon irgendwelche gespielt? Hier sind die, die ich bisher gespielt habe:

1) Hildesheim, St. Andreas (4 Manuale; im Prospekt der Pedaltürme steht der in Niedersachsen einzige Prinzipal 32', der schon ab C offen und komplett aus Zinn gefertigt ist!!!)

2) Würzburg, St. Johannis (3 Manuale)
3) Saarbrücken, Ludwigskirche (3 Manuale)
4) Hameln, St. Nicolai (3 Manuale)
5) Düsseldorf, Johanneskirche (4 Manuale; im Pedal auch ein Prinzipal 32' wie in Hildesheim)
6) Alzey, Nikolaikirche (3 Manuale)

Auf der Orgel der St. Johanniskirche in Würzburg habe ich regelmäßig geübt, als ich dort wohnte. Zugunsten der Orgelrenovierung habe ich im Sommer 2005 und im Herbst 2006 jeweils ein kurzes 30-Minuten-Orgelkonzert ("Orgelpunkt") gespielt. Die nächste 4-manualige Beckerath-Orgel, die ich besichtigen werde, steht in der Hamburger Hauptkirche St. Petri und besitzt eine ähnliche Disposition wie ihre 4-manualigen "Schwestern" in Hildesheim und Düsseldorf.

Meines Erachtens sind die neobarocken Beckerath-Orgeln Beispiele für sehr gut intonierte Neobarock-Orgeln! Die Scharfmixturen und Zimbeln "plärren" längst nicht so wie in vielen anderen Orgeln der 1950er und 1960er Jahre. Bei der Orgelrenovierung in der Würzburger St. Johanniskirche wurden allerdings alle Mixturen um jeweils eine Pfeifenreihe reduziert, z.B. aus Mixtur 6fach wurde Mixtur 5fach, aus Scharf 5fach wurde Scharf 4fach, aus Zimbel 4fach wurde Zimbel 3fach und so weiter... Eine sinnvolle, "behutsame" Veränderung, ohne das eigentliche Register charakterlich zu "zerstören". Die Mixturen klingen seitdem ausgewogener und richtig schön "barock"! :) Bemerkenswert finde ich, dass sich Rudolf von Beckerath bei der Intonation seiner Labialpfeifen im Wesentlichen an Arp-Schnitger-Orgeln, bei seinen Zungenpfeifen eher an Cliquot (Trompeten) und Cavaillé-Coll (Oboe) orientierte - eine äußert interessante Synthese!! :wink:

Einen schönen Abend und viele Grüße ---

Principalbass16Fuss
Principalbass16Fuss

Erste Beckerath-Orgel in der Christuskirche Othmarschen

Beitrag von Principalbass16Fuss »

Seine erste Orgel baute Rudolf von Beckerath 1949 in der Christuskirche Othmarschen (bei Hamburg). Die 30 klingenden Register verteilen sich wie folgt auf drei Manuale und Pedal:

RP (I): Gedackt 8', Rohrflöte 4', Ital. Prinzipal 2', Quinte 1 1/3', Sesquialtera 2fach, Scharff 4fach, Krummhorn 8', Tremulant

HW (II): Quintadena 16', Prinzipal 8', Spitzflöte 8', Oktave 4', Oktave 2', Mixtur 5fach, Trompete 8', Zimbelstern

OW (III): Rohrflöte 8', Gemshorn 4', Nasat 2 2/3', Blockflöte 2', Terz 1 3/5', Zimbel 3fach, Dulzian 16', Bärpfeife 8', Tremulant

PEDAL: Subbass 16', Prinzipal 8', Oktave 4', Nachthorn 2', Rauschpfeife 2fach, Mixtur 4fach, Posaune 16', Zink 4'

KOPPELN: RP/HW, OW/HW, RP/Pedal, HW/Pedal, OW/Pedal (als Zug und Tritt)

Mechanische Spieltraktur, elektrische Registertraktur, elektronische Setzeranlage mit 4000 Kombinationen (2004 neu eingebaut)

Meines Erachtens verfügt diese Orgel über alles, was das Organistenherz begehrt...! :)

Hier sind die Links dazu:
http://www.christuskirche-othmarschen.d ... musik.html
www.othmarscher-orgeltage.de

Viele Grüße - Principalbass16Fuss
kernspalter
Beiträge: 790
Registriert: Mittwoch 18. Februar 2009, 12:36

Re: Erste Beckerath-Orgel in der Christuskirche Othmarschen

Beitrag von kernspalter »

Principalbass16Fuss hat geschrieben:Meines Erachtens verfügt diese Orgel über alles, was das Organistenherz begehrt...! :)
Es gibt allerdings auch Organisten, die erst dann auf einer Orgel musizieren können, wenn sie da einen Streicher 8', eine Vox coelestis 8' und eine Oboe 8' auf- und zuschwellen können.
Mit kernspalterischen Grüßen
Principalbass16Fuss

Re: Rudolf von Beckerath Orgelbau (Hamburg)

Beitrag von Principalbass16Fuss »

Klar, wenn es um romantische Orgelmusik geht, hat Du schon recht. Ich meinte nur, im Sinne einer puristischen "norddeutschen Barockorgel" hat die Othmarscher Beckerath-Orgel alles, was man braucht. An Beckeraths Stelle hätte ich, um wenigstens ein KLEIN BISSI :D vom "strengen" Barock-Charakter abzuweichen, das Oberwerk (III) in einen Schwellkasten gestellt. Das verhindert zudem auch, dass die Pfeifen schnell einstauben! :wink: An Staub und Schmutz musste ich gerade nur denken, weil die Othmarscher Orgel einen Freipfeifenprospekt besitzt... könnte mir vorstellen, dass solche Orgeln im Vergleich zu "Gehäuse-Orgeln" häufiger gereinigt werden müssen.

Weil Du die Oboe 8' erwähntest: An seinen größeren, 3- und 4-manualigen Orgeln baute Beckerath durchaus auch eine Oboe ein. Bei César Franck's Orgelwerken ist sie einfach unentbehrlich. Obwohl: An der Beckerath-Orgel in der St. Johanniskirche Würzburg habe ich das "Prélude" in h-moll mit dem kurzbecherigen Zungenregister Bärpfeife 8', welches Beckerath gerne einbaute, gespielt. Die Bärpfeife hat einen gewissen Oboen-Charakter und klang bei diesem Franck-Stück sehr überzeugend! :o

Beste Grüße :)
kernspalter
Beiträge: 790
Registriert: Mittwoch 18. Februar 2009, 12:36

Re: Rudolf von Beckerath Orgelbau (Hamburg)

Beitrag von kernspalter »

Principalbass16Fuss hat geschrieben:Seine erste Orgel baute Rudolf von Beckerath 1949 in der Christuskirche Othmarschen (bei Hamburg).
Die Orgel wurde übrigens schon 1936 gebaut, und zwar von der Firma Sauer, allerdings unter Beckeraths maßgeblicher Mitwirkung (Planung, Bauleitung und Intonation):

http://www.othmarscher-orgeltage.de/ima ... m_2014.pdf
http://www.beckerath.com/index.php?opti ... 20&lang=de
Mit kernspalterischen Grüßen
Principalbass16Fuss

Beckerath-Orgel (1960) in St. Johannis Würzburg

Beitrag von Principalbass16Fuss »

Sorry, stimmt ja! 1936 von Sauer unter Anleitung von Beckerath gebaut... hast recht! :wink:

Hier ist übrigens die Disposition der großen Beckerath-Orgel in der St. Johanniskirche Würzburg, an der ich regelmäßig geübt und auch zwei Konzerte gegeben habe, als ich dort wohnte. Sie wurde 1960 erbaut und besitzt 39 Register auf 3 Manualen und Pedal:

I. RÜCKPOSITIV (C-g'''): Quintadena 8', Gedackt 8', Prinzipal 4' (Prospekt), Koppelflöte 4', Waldflöte 2', Quinte 1 1/3', Sesquialtera 2fach, Scharf 5fach 1', Dulzian 16', Bärpfeife 8'

II. HAUPTWERK (C-g'''): Quintadena 16', Prinzipal 8' (Prospekt), Spitzflöte 8', Oktave 4', Blockflöte 4', Nasat 2 2/3', Oktave 2', Flachflöte 2', Mixtur 6fach 1 1/3', Fagott 16', Trompete 8'

III. BRUSTWERK (C-g'''): Holzgedackt 8', Rohrflöte 4', Prinzipal 2', Oktave 1', Zimbel 3-fach 2/3', Vox humana 8', Schalmei 4', Tremulant

PEDAL (C-f'): Prinzipal 16' (Prospekt), Subbass 16', Oktave 8', Pommer 8', Oktave 4', Nachthorn 2', Rauschpfeife 3fach, Mixtur 6fach 2', Posaune 16', Trompete 8', Trompete 4'

KOPPELN: BW/HW, RP/HW, RP/Pedal

Windladen: Schleifladen
Spieltraktur: mechanisch
Registertraktur: kombiniert (mechanisch/elektrisch)
5 mechanische Setzerkombinationen + Auslöser

Ein sehr schönes, vielseitiges Instrument! :) Ich hatte immer meine Freude daran. Zum ersten Mal in meinem Leben lernte ich dort MECHANISCHE Setzerkombinationen kennen! :o Diese funktionieren wie folgt:
1) Man tritt zunächst den Fußhebel der zu speichernden Kombination (z.B. die Nr. 1) herunter und HÄLT ihn heruntergedrückt.
2) Nun zieht man die gewünschten Register, die in der Kombination vorkommen sollen, heraus und stellt fest, dass es etwas schwerer geht als sonst, da man die Register über einen mechanischen Widerstand hinwegziehen muss.
3) Hat man alle gewünschten Register gewählt, lässt man den Fußhebel wieder los und stößt die noch gezogenen Register wieder ab.
4) Tritt man nun den Fußhebel noch einmal herunter, "schießen" alle Register heraus, die man zuvor gespeichert hat.
Eine interessante und für die damalige Zeit fortschrittliche Konstruktion! :)

Die Würzburger St. Johanniskirche verfügt noch über ein kleines, fahrbares Orgelpositiv mit 5 Registern, ebenfalls von Beckerath:

Gedackt 8' (Bass/Diskant)
Rohrflöte 4' (Bass/Diskant)
Prinzipal 2' (Bass/Diskant)
Quinte 1 1/3' (Bass/Diskant)
Scharf 3fach (Bass/Diskant)
Principalbass16Fuss

Beckerath-Orgel (1960) in St. Johannis Würzburg

Beitrag von Principalbass16Fuss »

KORREKTUR: Die Zimbel im Brustwerk ist nicht nur 3fach, sondern 3-4fach! Hab mich vertippt :lol:

Die Pedalregister sind übrigens aus Platzgründen auf zwei Windladen verteilt: Die Oberlade, die den eigentlichen "Pedalturm" bildet, enthält die Register Prinzipal 16' (Prospekt), Subbass 16', Oktave 8', Posaune 16' und Trompete 8' im Sinne des "Großpedals". Im Untergehäuse des Pedalturmes befinden sich (hinter einem schalldurchlässigen Gitter) die Register des "Kleinpedals" auf einer separaten Lade: Pommer 8', Oktave 4', Nachthorn 2', Rauschpfeife 3fach, Mixtur 6fach 2' und Trompete 4'.
Voceumana
Beiträge: 76
Registriert: Mittwoch 9. Juli 2014, 19:45

Re: Rudolf von Beckerath Orgelbau (Hamburg)

Beitrag von Voceumana »

Nun,

die Teilung des Pedals ist die klassische in Groß- und Kleinpedallade, weniger aus Plazugründen, sondern, um stabilen Wind in den kleinen Stimmen zu haben, wenn die großen Luftschlucker im Plenum dazukommen, weniger aus Platzgründen.

Zur Registertraktur muss man noch sagen, dass sie elektrisch ist, die Registerschalter sind als Stop-Tabs (ähnlich einer Wurlitzer) angelegt, somit ist der mechanische Setzer hier leichter zu bewerkstelligen, als bei einer mechanischen Registertraktur mit Registerzügen.
Zugschalter ist der Tremulant in III

War auch eine meiner Übeorgeln, diese in der Mittagspause und der Freistunde, da mein Gymnasium direkt daneben lag und ich die Erlaubnis hate, über den Sportplatzzaun zu klettern...
Principalbass16Fuss

Beckerath-Orgel (1960) in St. Johannis Würzburg

Beitrag von Principalbass16Fuss »

Hey Voceumana,

Du kennst also auch die Beckerath-Orgel in St. Johannis Würzburg??? Was für ein witziger Zufall... die Welt ist wirklich klein!!! :lol: Dass man mit der Aufteilung von Groß- und Kleinpedal eine Windstabilität für die kleinen Pedalregister erreichen will, wusste ich bisher noch nicht... man lernt immer noch dazu! :wink:

Stimmt, die "Registerwippen" sind an dieser Orgel tatsächlich als "Stop-Tabs" zum Herunterdrücken (wie bei Wurlitzer-Kinoorgeln) gemacht und der jeweilige Setzer "presst" die gespeicherten Tabs mechanisch herunter, also eine "kombinierte" (mechanisch-elektrische) Registertraktur. Die Register-Tabs erinnern mich ein bissi an diese "Katzen-Zungen" aus Schokolade, hehehe :P :lol:

Aber mal 'ne andere Frage: Wohnst Du noch in Würzburg und spielst Du auch noch Orgel bzw. hast Du Orgel/Kirchenmusik studiert? Ich hab was ganz anderes studiert und das Orgelspiel nur hobbymäßig betrieben... Grüße :)
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