Orgelrätsel

Diskussionen rund um Orgelneubau, Orgelrestauration, Register, Technik, usw.
Froschmaschine
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Re: Orgelrätsel

Beitrag von Froschmaschine »

Holger hat geschrieben:Friedhof erklärt schon einiges, wir haben ein, sicher ähnliches Beispiel hier vor Ort:

http://www.balingen-evangelisch.de/file ... forgel.pdf
Die Disposition sieht in der Tat recht ähnlich aus, nicht auszuschließen, dass es auch ähnlich klingt. Das 2′-Register wird nicht den in meinem Beispiel geradezu identitätsstifenden Perl-Akzent des 1′-Registers bringen können, aber im Großen und Ganzen … ist festzustellen, dass die Dispositionen von Hauptwerk und Nicht-Hauptwerk-Manualwerk vertauscht sind. Die Online-Quelle ist fehlerhaft, oder?

Mir fällt noch auf, dass die Registerbezeichnungen nicht so viel Lyrik vor sich hertragen, aber das ist nur eine Äußerlichkeit. Anderweitig äußerlich gibt es dagegen eine frappierende Ähnlichkeit: Auf dem Foto ebenfalls solche Engelsdarstellungen zu sehen fand ich faszinierend. Sonst sieht es hier™allerdings anders als im Beispiel aus Balingen – uneingeschränkt modern geradlinig. Die profilierten Gehäuseabschlüsse sind „nur“ in Bezug auf die Gestalt des übrigen Kirchenraums angefertigt, allgemein zeittypisch ist das auch in dieser Region nicht, oder?
Froschmaschine
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Re: Orgelrätsel

Beitrag von Froschmaschine »

kernspalter hat geschrieben:[Benennung der drei Teilwerke]
Wenn da nicht besonders originelle Gags verwirklicht worden sind, ist das ja nicht schwer zu raten.
Das erste Teilwerk ist wohl kaum ein Brustwerk, das zweite wohl kaum ein Pedalwerk...
Holgers Beispiel hat mich die Frage nach den Teilwerken stellen lassen. Es könnte ein Rückpositiv vorhanden sein. … und die Online-Darstellung hat überhaupt alles in Frage gestellt. Allerdings liegt da mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, zumal Holger es „ganz normal“ beschreibt, ein Fehler in der Beschriftung der Teilwerke vor.
kernspalter
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Re: Orgelrätsel

Beitrag von kernspalter »

Froschmaschine hat geschrieben:Allerdings liegt da mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, zumal Holger es „ganz normal“ beschreibt, ein Fehler in der Beschriftung der Teilwerke vor.
Das ist sicher falsch.

Das Geheimnis des Dolkanpiffaro würde mich übrigens auch interessieren.
Mit kernspalterischen Grüßen
Holger

Re: Orgelrätsel

Beitrag von Holger »

Betr. Friedhofkirche in Balingen: die Teilwerke sind definitiv nicht richtig benannt: I Rückpositiv = Hauptwerk, II Hauptwerk = Rückpositiv. Die Manualverteilung I und II stimmt.

Die äußere Gestaltung der Orgel spiegelt durchaus die direkte Nachkriegsästhetik wieder ohne ein reiner Freipfeifenprospekt zu sein. Geradlinig, ohne große Schnörkel, fast schon demütig anmutend. Einziger Schmuck des Gehäuses sind die bemalten Flügeltüren des Rückpositives, die farbliche Fassung dürfte noch im Originalzustand sein.

Interessante Gehäuse aus jener Zeit

Beispiel Loccum, erbauer Ott, 1956:

https://d2r0d2z5r2gp3t.cloudfront.net/p ... 2bc0fa.jpg

Beispiel Augsburg, Barfüßerkirche:

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/c ... he_006.jpg

ev. Stift Tübingen, Weigle 1947:

http://www.evstift.de/index.php?id=32
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Friedrich Sprondel
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Re: Orgelrätsel

Beitrag von Friedrich Sprondel »

Um mal auf die ursprüngliche Frage zurückzukommen: Es gab ja auch in der DDR eine ziemlich ausdauernde moderne Orgelbewegung, für die Namen wie Gerhard Paulik und Herbert Collum stehen. Die haben wohl auch E. K. Rössler, Helmut Bornefeld und Walter Supper gelesen und selber nach Herzenslust disponiert und mensuriert. Mein Tipp geht in diese Richtung.

Zur Bezeichnung der Teilwerke -- offensichtlich wäre ja nun Hauptwerk, Positiv (Rück-, Ober-, Brust-) und Pedal. Die Frage lässt darauf schließen, dass da jemand sich etwas Originelleres ausgedacht hat. Wenn dieser jemand nun das Normale schon gemieden hat, dann ist alles möglich. Harfenprinzipal und Prinzipalmixtur sind bei Supper z. B. oft im Schwellwerk zu finden. Das würde das andere Werk zum Hauptwerk machen, vielleicht in einer Emporenbrüstung platziert.

Viele Grüße
Friedrich
Solcena
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Re: Orgelrätsel

Beitrag von Solcena »

Danke schon mal bis hierher für den interessanten Thread - jede Instrumentenvorstellung ist interessant, und sei es die einer kleinen Walckerkiste! Mehr davon!

Zur Sache beitragen kann ich mangels Erfahrung mit Supper- und Bornefeld-Orgeln leider nichts, nur ein paar suppersche Musterdispos, die bei den Kollegen von der elektronischen Fraktion gepostet worden sind.
Froschmaschine
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Re: Orgelrätsel

Beitrag von Froschmaschine »

kernspalter hat geschrieben:Das Geheimnis des Dolkanpiffaro würde mich übrigens auch interessieren.
Ein Geheimnis ist natürlich geheim!

Aber für Dich und die anderen hier kann ich mal eine Ausnahme machen.

Das muss man wissen: Ich spiele nur nebenbei Orgel und bis dato habe ich es (aus Zeitgründen) noch nichtmal zu einem D-Schein gebracht. Anfangs bin ich zwar im Orgelspiel unterrichtet worden, aber das meiste habe ich mir anderweitig angeeignet, insbesondere die freie Liedbegleitung und die Kunst der mehr oder weniger sinnvollen Registrierung.

Kleine Anekdote: Als ich selber schon gelegentlich in Gottesdiensten gespielt hatte und keinen Unterricht mehr hatte, habe ich bei der Konfirmation meines Cousins meinen Onkel Orgel spielen hören. Da fiel mir auf, dass die Strophen eines Liedes unterschiedlich klangen, von den Tönen her unterschiedlich. Das hat mir ein Rätsel aufgegeben. Ich habe überlegt, wie er das wohl gemacht hat. Das waren mindestens drei echt verschiedene Varianten, er wird doch nicht so viele Fassungen in Noten da gehabt und einstudiert haben? Kann man das vielleicht ohne Noten machen …?

Ja, es musste so gewesen sein, das ist mir dort klar geworden, man kann Lieder an der Orgel ohne ausgeschriebenen Satz begleiten. Mit der Zeit ist mir darüber hinaus aufgegangen, dass das wohl überhaupt zu den Standard-Fähigkeiten von Organisten gehört und in mir ist der Wunsch gewachsen, das auch zu können.

Also habe ich probiert, Lieder frei zu begleiten, bis es ging. Das hat ein paar Jahre gedauert und ich bin noch nicht fertig, aber inzwischen ist das freie Spielen schon generell benutzbar und geht meistens auch aus dem Stehgreif glatt. Es kommt zwar manchmal vor, dass ich einen schlechten Tag habe, aber vorwiegend wird mein Orgelspiel mit sehr erfreulichen Attributen belegt und mir selber gefällt es auch oft. Ja, es taugt prinzipiell etwas, das ist mir klar – derweilen unklar ist mir jedoch, inwiefern ich irgendwelche 0815-Konzepte der Harmonisierung und Registrierung und Standard-Überlegungen zum liturgischen Umgang mit der Orgel vielleicht überhaupt nicht kenne. Wenn ich etwas ganz toll und besonders finde, mag das also über den Rahmen meiner Privatwahrnehmung hinaus gar nichts bedeuten, wie mutmaßlich auch in diesem Fall.

So, dass jemand die Melodie ins Pedal genommen hat, das habe ich vor etwa zwei Jahren mal in einem Gottesdienst gehört. Das fand ich echt interessant und dann habe ich mich auch daran versucht. Dazu gehörte mir, aus dem Bezugsbeispiel heraus, immer etwas dickes im Pedal, eine Mixtur.

Nun habe ich an der besprochenen Orgel gemerkt, was speziell mit dem Dolkanpiffaro geht. Ich habe dieses Register manchmal für dieses und jenes verwendet, es hatte mir bspw. eine prinzipiell interessante Korrespondenz zum 1′ im Hauptwerk, machmal war es mir auch ein Beitrag zum Plenum. So richtig einen Reim konnte ich mir auf seinen Klang aber nicht machen. Nun habe ich gemerkt, dass damit zurückhaltende Registrierungen für c. f. im Bass möglich sind: Zum Beispiel kann man im Hauptwerk (an der besprochenen Orgel) Rohrflöte 8′ und Prästantflöte 4′ nehmen und dann mit dem Pedal mit 16′, 8′ und Dolkanpiffaro 4′-2′ die Melodie eine Oktave nach unten gesetzt spielen. Der Dolkanpiffaro ist so gemacht, dass er 8′ und 4′ des Hauptwerks in gleicher absoluter Höhe schlägt oder durchdringt. Offensichtlich ist das so gedacht, offensichtlich ist die alleinige Bass-Verstärkung für c. f. ein originär vorgesehener Zweck des Dolkanpiffaro. Darauf muss man eben erstmal kommen und wenn nie jemand so spielt – jedenfalls nicht, wenn man es hätte hören können – und es einem auch nie jemand erklärt, dann kann das eine Weile dauern.

Apropos „erklären“: Dass das Brustwerk an so einer Orgel ideal zum Spielen der Melodie gegen eine Begleitung in Hauptwerk und Pedal geeignet ist, konnte ich nur gegen expliziten Expertenrat feststellen. Klänge sprechen für sich, aber auf die interessanten Möglichkeiten muss man erstmal stoßen und da ist man nicht so bald fertig, weil es gerade auch auf eine im Detail richtige Abstimmung und das richtige Zusammenspiel von dem, was man spielt, und der Registrierung ankommt, damit eine prinzipielle Möglichkeit erkennen lässt, das sie wirklich gut ist.
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Friedrich Sprondel
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Re: Orgelrätsel

Beitrag von Friedrich Sprondel »

Froschmaschine hat geschrieben: [*] An dieser Orgel passt sehr vieles prima zusammen, aber Harfenprinzipal 8′ und Prästantflöte 4′ harmonieren einfach nicht miteinander. Mir schien dieses Teilwerk klanglich unausgewogen und ich mochte zeitweise die Prästantflöte 4′ überhaupt nicht, bis ich bemerkt habe, das schlicht ein Konflikt zwischen diesen beiden Registern besteht und einzig dieser das Problem ist. Höchstens mit der Mixtur dazu lassen sich Harfenprinzipal 8′ und Prästantflöte 4′ sinnvoll zusammen verwenden, aber das auch nur, weil die Mixtur dann überdeckend wirkt, so mein Eindruck.[/list]
Könnte auch sein, dass Du von der Prästantflöte etwas erwartest, was sie nie leisten sollte. Wenn die Orgel durch Suppers Dispositionsweise angeregt sein sollte, ist nämlich die Mixtur zu stark besetzt; bei einem normalen Aufbau von Prinzipal, Oktave und Mixtur sehen seine "Regeln" eine vierfache Mixtur vor (fünffach ab 16'-Basis oder bei zusätzlicher Zunge 8', sechsfach oder mehr, wenn beides der Fall ist). Ich tippe deswegen darauf, dass die Prinzipalmixtur entweder die 4'-Oktave von Anfang an mit- oder spätestens bei c einführt, sodass auf jeden Fall ein lückenloser "Engchor" vorhanden ist.

Die Prästantflöte wäre dann auf die Rohrflöte hin intoniert, als satte Begleitfarbe vielleicht. Wenn außerdem mein Verdacht stimmt, dass das ein Schwell-Hauptwerk ist -- auch dafür spricht die merkwürdige Aufteilung des Prinzipalchors --, dann hätte die Prästant(!)flöte die Funktion, sich attraktiv-vollschlank vor den Schwellklappen in Szene zu setzen. Ich kann mich zwar nicht daran erinnern, dass Supper über schwellbare Hauptwerke geschrieben hätte, aber im Fall einer Friedhofsorgel hätte er so etwas aus Pietätsgründen womöglich statthaft gefunden (und er kam aus dem tiefsten Pietkong!).

Der Prinzipalaufbau des Nebenwerks wird dann auch interessant. Die Orgel hätte keinen engen 4', es sei denn, die Spitzflöte wäre -- wie es öfter mal vorkommt -- in Richtung Prinzipal intoniert. Dazu passen Prinzipal 2' und Quinte 1 1/3. Dann noch die Regaltrompete: Das ist eigentlich ein Zwerg-Hauptwerk. Deshalb auch meine Vermutung, dass das ein Brüstungswerk sein könnte.

Wird denn der Schleier noch einmal irgenwann gelüftet? Wäre doch interessant zu erfahren, wie weit man danebenliegt.

Viele Grüße
Friedrich
Froschmaschine
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Re: Orgelrätsel

Beitrag von Froschmaschine »

Friedrich Sprondel hat geschrieben:
Froschmaschine hat geschrieben: [*] An dieser Orgel passt sehr vieles prima zusammen, aber Harfenprinzipal 8′ und Prästantflöte 4′ harmonieren einfach nicht miteinander. Mir schien dieses Teilwerk klanglich unausgewogen und ich mochte zeitweise die Prästantflöte 4′ überhaupt nicht, bis ich bemerkt habe, das schlicht ein Konflikt zwischen diesen beiden Registern besteht und einzig dieser das Problem ist. Höchstens mit der Mixtur dazu lassen sich Harfenprinzipal 8′ und Prästantflöte 4′ sinnvoll zusammen verwenden, aber das auch nur, weil die Mixtur dann überdeckend wirkt, so mein Eindruck.[/list]
Könnte auch sein, dass Du von der Prästantflöte etwas erwartest, was sie nie leisten sollte.
‚Erwarten‘ – nein, ich stelle nur fest, dass es nicht geht. Erwarten oder besser gesagt wünschen tue ich mir nur etwas von anderen Organisten: dass sie das „Problem“ verstehen, wenn ich es ihnen zeige, und in ihren Registrierungen berücksichtigen.
Friedrich Sprondel hat geschrieben:Wenn die Orgel durch Suppers Dispositionsweise angeregt sein sollte, ist nämlich die Mixtur zu stark besetzt; bei einem normalen Aufbau von Prinzipal, Oktave und Mixtur sehen seine "Regeln" eine vierfache Mixtur vor (fünffach ab 16'-Basis oder bei zusätzlicher Zunge 8', sechsfach oder mehr, wenn beides der Fall ist). Ich tippe deswegen darauf, dass die Prinzipalmixtur entweder die 4'-Oktave von Anfang an mit- oder spätestens bei c einführt, sodass auf jeden Fall ein lückenloser "Engchor" vorhanden ist.
Das ist ein sehr interessanter Gedanke!

Auch interessant finde ich, dass es, wenn ich Friedrich Sprondel richtig verstehe, wohl durchaus gängig ist, ein Register eines Teilwerks in Bezug auf ein anderes zu gestalten – und zwar unter Inkaufnahme einer „Unverträglichkeit“ mit einem anderen Register des gleichen Teilwerks.
Friedrich Sprondel hat geschrieben:Die Prästantflöte wäre dann auf die Rohrflöte hin intoniert, als satte Begleitfarbe vielleicht.
Ja, das kommt in etwa hin. Ich höre mal mit dieser Idee im Hintergrund genauer hin.
Friedrich Sprondel hat geschrieben:Der Prinzipalaufbau des Nebenwerks wird dann auch interessant. Die Orgel hätte keinen engen 4', es sei denn, die Spitzflöte wäre -- wie es öfter mal vorkommt -- in Richtung Prinzipal intoniert.
Auch das ist mit meiner Klangerinnerung vereinbar – es geht ein Stück in Richtung Prinzipal.

Jetzt noch zum großen Ganzen: Die Teilwerke sind schlicht Hauptwerk, Brustwerk und Pedal.

Das Nebenwerk hätte aber eben auch eines anderen Charakters sein können und selbst eine Vermutung, dass das, was das Hauptwerk ist, das Nebenwerk wäre, könnte ja gewisse Substanz haben. Obwohl die Ordnung der Werke recht ‚normal‘ ist, wollte ich sie nicht gleich dargeboten haben, weil ich sie für mglw. richtungsweisend im Rätsel hielt – und mich andersrum denkend interessiert hat, inwiefern es für kundige Menschen anhand der vorhandenen Register auf der Hand liegt, wie die Werke heißen.

So, Hauptwerk, Brustwerk und Pedal – nichts besonderes.

Etwas Besonderes ist indessen, wie die Orgel auf sehr wenig Raum untergebracht ist. Weil ein großes Rosettenfenster in der Giebelwand nicht verbaut werden sollte, wurde sie seitlich querstehend – links – auf der Empore platziert. Dabei wurde die Tiefe des Gehäuses sehr gering gehalten, damit das Fenster eben möglichst gut frei bleibt. Das verbunden mit der Anordnung der Manualwerke – übereinander, aber unter der Decke enden müssend – führt zu enormer Enge im Inneren der Orgel. Wer in der Orgel etwas zu tun hat, hat keine Freude dran, aber im Gebrauch ist das Ganze wirklich überzeugend … sofern man das Klangerlebnis für den Spieler außen vor lässt. Denn dem haut das Brustwerk den Ton direkt auf die Ohren. Das ist speziell dann herausfordernd, wenn eine Solo-Stimme drauf gespielt werden soll. Das Brustwerk ist (als einziges Teilwerk) schwellbar, aber bspw. für eine Melodie in der Liedbegleitung ist natürlich nur wenig Abschwellung sinnvoll. So eingestellt, dass es im Raum richtig gut klingt, braucht noch nichtmal die Zimbel aktiv zu sein, damit es für den Organisten zumindest bei gewisser Körpergröße und Nicht-Schwerhörigkeit ernsthaft an der Schmerzgrenze kratzt.

Hauptwerk und Brustwerk liegen übereinander gesetzt. Beide strahlen quer zur Längsachse der Kirche ab. Rechts davon, rechtwinklig dazu angelegt, befindet sich das Pedalwerk, an der Schmalseite des Gesamtgehäuses sichtbar. Um alles so unterzukriegen, sind in der Traktur bemerkenswerte Lösungen entstanden. Auch ist das Brustwerk enorm gedrängt gebaut: Die größten Pfeifen des Musiziergedackt 8′ sind mit Hilfe von Kondukten an die Decke des Brustwerks gesetzt. Der unterste Bereich der Spitzflöte 4′ besteht aus gedeckten Pfeifen. Ich mach bei Gelegenheit mal ein paar Fotos davon.

Während die Enge gewisse Herausforderungen mit sich bringt ist die Orgel grundsätzlich sehr solide gebaut. Das Spielgefühl ist erfreulich und die Nebengeräusche sind gering. Die Trakturen sind leichtgängig und vermitteln dennoch Substanz. Das ist ein völlig anderes Niveau als bei den zehn Jahre älteren ersten „neuzeitlichen“ Schleifladenorgel-Versuchen dieses Orgelbaubetriebes. Die hier vorliegende Qualität ist auch heute noch „gültig“.

Der Klang im Raum ist ganz interessant: Das Brustwerk hat klanglich eine Art geradlinige Präsenz im Raum – obwohl es ja „querschlägt“ –, während die Klänge von Hauptwerk und Pedal mehr in die Breite gehen. Hauptwerk und Pedal füllen den Raum, während das Brustwerk (nicht abgeschwellt) bis in die letzte Ecke durchdringt. Ich habe mal irgendwo etwas von E. K. Rößlers Klangtheoretien gelesen; die Ideen wie „Raumlinienstärke“ konnte ich mir anhand dieser Orgel ganz gut vorstellen. Ob Rößlers Gedankengut unmittelbar hinter dieser Orgel steckt, weiß ich aber (noch) nicht.

Leider habe ich die Chance verpasst, im Rahmen der Sanierung näheres über das Instrument zu erfahren. Ich hatte da einen Fuß gebrochen und das ausführende Personal nur einmal flüchtig gesehen. Ich versuche mal, aus den Unterlagen der Kirchgemeinde etwas über den Hintergrund der Orgel herauszufinden.
kernspalter
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Re: Orgelrätsel

Beitrag von kernspalter »

Darf man noch erfahren, wo die Orgel steht?

Einen direkt gestaltenden Einfluß von Supper würde ich nach wie vor ausschließen.
Rößler könnte mitgemischt haben. Von daher wäre auch gut ehemalige DDR vorstellbar, denn Eule, Sauer, Schuke, Schuster haben mit ihm zusammengearbeitet.
Mit kernspalterischen Grüßen
Ronald Henrici
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Re: Orgelrätsel

Beitrag von Ronald Henrici »

Eine ähnliche Orgel, wie sie Holger in der Friedhofskapelle in Balingen benannt hat, stehr in Köln in der Trauerhalle des Westfriedhofes, gebaut von Hans Klais 1938 mit II/P/17 elektrisch gesteuert auf Kegelladen, Hauptwerk, Schwellwerk Pedal. Die Disposition habe ich derzeit nicht zur Hand, weiß aber aufgrund eigenen Spiels in den 60er Jahren, daß die 8 Fuß Lage gut besetzt istrt, es nur 2 4 Fuß gibt, eine 2 Fuß, eine tiefliegende Mixtur im HW und eine Scharfcymbel 1 Fuß im SW, Pedal nur mit je ein 16, 8, 4 Fuß.
Gruß
Ronald
he: Orgel spielen heißt:einen mit dem Schauen der Ewigkeit erfüllten Willen offenbaren. (Ch.M.Widor)
Froschmaschine
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Re: Orgelrätsel

Beitrag von Froschmaschine »

Friedrich Sprondel hat geschrieben:Ich tippe […] darauf, dass die Prinzipalmixtur entweder die 4'-Oktave von Anfang an mit- oder spätestens bei c einführt, sodass auf jeden Fall ein lückenloser "Engchor" vorhanden ist.
Du liegst nicht falsch, die Prinzipal-Mixtur hat die 4′-Lage ab B dabei.

Beim Probieren bin ich auf die Idee gekommen, die Prinzipal-Mixtur rein auf Basis der Prästantflöte 4′ zu benutzen und eine Oktave tiefer zu spielen. Das klingt ganz interessant.

Analoges geht mit der Klingelnden Zimbel im Brustwerk. Es klingt dann zwar nicht mehr so richtig nach einer Zimbel, ist mit seinem eigenen Klang aber trotzdem für dieses und jenes zu gebrauchen.
Friedrich Sprondel hat geschrieben:Der Prinzipalaufbau des Nebenwerks wird dann auch interessant. Die Orgel hätte keinen engen 4', es sei denn, die Spitzflöte wäre -- wie es öfter mal vorkommt -- in Richtung Prinzipal intoniert.
Auch das trifft zu, obwohl sie in der untersten Oktave aus gedeckten Pfeifen besteht.

Ein paar Fotos von der Orgel: 20 21 22 23 10 30 02 01 00 (je etwa 250 kiB)
Ronald Henrici
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Re: Orgelrätsel

Beitrag von Ronald Henrici »

Nach den Bildern zu urteilen möchte ich die Mitwirkung Suppers ausschließen. Die Gehäuseart ist nicht typisch für den Architekten Walter Supper. Er hätte sich sicher etwas anderes einfallen lassen.
Der gradlinig innere Aufbau auf den Windladen entspricht wohl eher Rösslerscher Manier (Pfeifenaufbau chromatisch, Mensurierung). Ein zweifaches Dolkan - Piffaro kann auch durchaus aus Rösslers Ideenreichtum stammen, kommt darauf an , wie es intoniert ist. Da ich selbst aber in Westdeutschland bisher eine Rössler - Orgel mit der Disposition (auch bei kleinen oder mittelgroßen Orgeln) bisher nicht kennengelernt habe und auch damals von E.K.Rössler keine Hinweise erhalten habe, schließe ich daraus, daß die Orgel irgendwo in der ehemaligen DDR steht, wo Rössler selbst einmal tätig war. Die Ausgefallenheit der Disposition läßt darauf schließen.
Seit E.K.Rössler in der Nähe von Schlüchtern in Hohenzell Pfarrer war, hat er leider hartnäckig vermieden, über seine früheren Aufenthalte in Mitteldeutschland zu sprechen, geschweige zu berichten. Ich kenne aus seinem Munde beschrieben nur die Orgel aus dem Jahr 1936 in Meissen, die aber für die hier im Forum aufgeworfene Fragestellung nicht in Betracht kommt.
Trotz allem stelle ich die Frage: Sollte die hier beschriebene Orgel nicht doch ein Rösslersches Produkt sein, das auf Grund seiner experimentell erfinderischen Seele entstanden ist ?
Gruß
Ronald
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Re: Orgelrätsel

Beitrag von Froschmaschine »

Ronald Henrici hat geschrieben:Nach den Bildern zu urteilen möchte ich die Mitwirkung Suppers ausschließen. Die Gehäuseart ist nicht typisch für den Architekten Walter Supper.
Gut, noch eine Einschätzung, dass Supper nicht dahinter steckt! Insofern scheint diese Orgel klar zu sprechen.
Ronald Henrici hat geschrieben:Der gradlinig innere Aufbau auf den Windladen entspricht wohl eher Rösslerscher Manier (Pfeifenaufbau chromatisch, Mensurierung).
Was von der Mensurierung lässt sich denn auf den Fotos erkennen?
Ronald Henrici hat geschrieben:Ein zweifaches Dolkan - Piffaro kann auch durchaus aus Rösslers Ideenreichtum stammen, kommt darauf an , wie es intoniert ist. Da ich selbst aber in Westdeutschland bisher eine Rössler - Orgel mit der Disposition (auch bei kleinen oder mittelgroßen Orgeln) bisher nicht kennengelernt habe und auch damals von E.K.Rössler keine Hinweise erhalten habe, schließe ich daraus, daß die Orgel irgendwo in der ehemaligen DDR steht, wo Rössler selbst einmal tätig war. Die Ausgefallenheit der Disposition läßt darauf schließen.
Seit E.K.Rössler in der Nähe von Schlüchtern in Hohenzell Pfarrer war, hat er leider hartnäckig vermieden, über seine früheren Aufenthalte in Mitteldeutschland zu sprechen, geschweige zu berichten. Ich kenne aus seinem Munde beschrieben nur die Orgel aus dem Jahr 1936 in Meissen, die aber für die hier im Forum aufgeworfene Fragestellung nicht in Betracht kommt.
Du meinst also: Es könnte sein, dass Rößler an dieser Orgel mitgewirkt hat … und wenn er beteiligt war, ist sie ziemlich sicher auf dem Gebiet der DDR errichtet worden!?

In dieser Diskussion wurden schon ein paar ‚große‘ Namen genannt. Inwiefern ist eigentlich davon auszugehen, dass das Konzept für diese Orgel tatsächlich maßgeblich von einem orgelbauerunabhängigen Akteur wie Rößler oder Bornefeld erarbeitet wurde? Gab es nicht auch zu dieser Zeit in den Orgelbaubetrieben (evtl. minder bekannte) Leute, die eigenständig Orgeln erdacht haben – durchaus derart von den bekannten Denkern geprägt, dass man das Ergebnis als Umsetzung deren Ideen verstehen kann?

In ein paar Wochen werde ich voraussichtlich Gelegenheit haben, eine bekanntermaßen auf Rößler zurückgehende, anerkanntermaßen originelle, zwei Nummern größere Orgel im Konzert zu hören. Wenn ich Ähnlichkeiten im Klang entdecken werde, würde das nichts beweisen … und wenn diese andere Orgel mich nicht an das hier vorgestellte Instrument erinnern sollte, würde das ebenfalls nichts weiter zu bedeuten haben, immerhin kann ein Mensch recht verschiedene Orgeln konzipiert haben, gerade Rößler gilt ja als kreativ, und außerdem ist das „Referenzinstrument“ vor geraumer Zeit neu intoniert worden. Interessant wird der Vergleich aber auf jeden Fall sein.
S.L
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Re: Orgelrätsel

Beitrag von S.L »

Gibt es noch Aussicht auf des Rätsels Lösung?
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