Orgel 4.0!?

Diskussionen rund um Orgelneubau, Orgelrestauration, Register, Technik, usw.
Antworten
Benutzeravatar
Administrator
Site Admin
Beiträge: 923
Registriert: Donnerstag 7. September 2006, 16:31
Wohnort: Celle
Kontaktdaten:

Orgel 4.0!?

Beitrag von Administrator » Montag 9. September 2019, 08:24

Liebe Orgelfreunde,

was haltet Ihr davon? Wie ist Eure Meinung zu "Orgel 4.0"

https://www.katholisch.de/artikel/22866 ... gel-retten
Herzliche Grüße

Daniel
(Admin)
_______________________________________
http://www.musik-medienhaus.de
http://www.orgel-information.de
http://www.buch-und-note.de
http://www.notenkeller.de

kernspalter
Beiträge: 758
Registriert: Mittwoch 18. Februar 2009, 12:36

Re: Orgel 4.0!?

Beitrag von kernspalter » Montag 9. September 2019, 13:15

Ich empfehle, nicht nur den Zeitungsartikel, sondern auch die Projektbeschreibung zu lesen:
https://www.nagold-evangelisch.de/kirch ... chreibung/

Interessant wird sein, wie eine Künstliche Intelligenz auf den Gemeindegesang reagieren wird. Wenn es soweit ist, werde ich mir das gerne mal anhören.
Andere Dinge sind eigentlich schon uralt. MIDI-fähige Orgeln gibt es seit Jahrzehnten, selbstspielende Orgeln seit Jahrhunderten. Die "Juke-Box" könnte es schon längst geben: Der Kirchenbesucher wirft einen Euro rein, und die Orgel donnert Bachs D-moll-Toccata im Generaltutti. Ich weiß wirklich nicht, warum das sich nicht schon längst flächendeckend durchgesetzt hat...
Mit kernspalterischen Grüßen

DenkDirBass 6 2/5'
Beiträge: 5
Registriert: Freitag 2. August 2019, 00:30
Wohnort: Dresden

Re: Orgel 4.0!?

Beitrag von DenkDirBass 6 2/5' » Montag 9. September 2019, 17:03

Hinweg mit ihm! Kreuzige ihn! :evil:

Hallo Leute.

Spaß beiseite.

Orgel 4.0? Hab ich irgendwann Orgel 1.1 - 3.9 verpasst?

Die Idee des Orgamaten ist ja nun bei weitem nicht neu. Auch Orchestrien, die gegen Münzeinwurf Musik abspielen, existieren ebenfalls schon über hundert Jahre. Digitale Selbstspielanlagen, natürlich nur für das Abhören des eigenen Spiels gebaut :roll: , werden bei großen Instrumenten nun auch fast serienmäßig verbaut. Trotzdem wird sowas merkwürdigerweise von den Medien als absolut umwerfend und zukunftsweisend verkündet.

Die Idee der das Lied erkennenden Orgel habe ich so noch nicht gehört, doch bin ich da doch sehr skeptisch bezüglich der Praktikabilität. Denn einerseits kenne ich bei einigen Geistlichen die gering ausgeprägte Fähigkeit der Selbsttonfindung. Andererseits gibt die Musik an sich schon einige Fallstricke vor. So fiel mir in Vorbereitung des gestrigen Denkmaltages auf, dass "Ein Männlein steht im Walde" genauso beginnt wie "Was Gott tut, das ist wohlgetan" oder "Wohl denen, die da wandeln". Wie soll der arme Computer das anständig unterscheiden? Am Text? Die Fähigkeit zur Spracherkennung gibt es zwar bei Computern, doch wer einmal versucht hat, mit Spracherkennung ein Navi auf das gewünschte Ziel zu programmieren, bekommt spätestens bei dem lieblichen Ort Zschernitzsch Probleme. :twisted: Außerdem würde die Orgel mit mindestens einem Takt Verzögerung ohne Vorspiel einsetzen, als ob der Organist während der Predigt etwas eingenickt sei. Und wenn die Gemeinde aufhört zu singen, spielt der Computer noch ein paar Takte weiter?

Ebenso kann ich mir nicht vorstellen, dass dann so ein Computer auf Anzahl und Fähigkeiten der Gemeinde, Uhrzeit, allgemeine Stimmung, Kirchenjahr und was weiß ich noch alles eingeht. Auch bei Organisten ist das Begleiten tagesformabhängig und selten werden ihm alle Parameter
der aktuellen Registerauswahl bewusst.

Summa summarum ist mir da die Version mit CD und Lautsprecher schon irgendwie lieber, denn da merkt die Gemeinde (hoffentlich), dass es sich um eine Behelfsmaßnahme handelt. Da freut man sich vielleicht umso mehr, wenn mal jemand aus Fleisch und Blut vorbeikommt um die Orgel zu traktieren. Zuhause hören die meisten von uns ja auch dann und wann Konserven und gehen trotzdem in Orgelkonzerte. Selten deshalb, weil wir jetzt dieses und jenes Stück mal live hören wollen, sondern weil wir auf den Menschen gespannt sind und was dieser mit einem ihm fremden, uns vielleicht schon bekannten Instrument anstellt.

Die Aussage des Kommentars, dass die Orgel wieder "in" sein müsse, um das Singen zu retten halte ich persönlich für falsch. Vielmehr meine ich, das Selbst Singen muss wieder "in" werden. Denn ungeachtet aller Vorteile, die unser Lieblingsinstrument zur Führung und Begleitung des Gemeindegesanges hat, ist es auch "nur" ein Instrument. Qualitätvolles Orgelspiel ist leider kein Garant für einen gelingenden Gottesdienst, so gern wir das auch hätten. All unser Bemühen ist letzendlich vergeben, wenn die Menschen nicht singen. Zugegeben, die Gefahr ist meines Erachtens in gutbesuchten Sonntagsgottesdiensten noch auf absehbare Zeit gering, wenn noch genügend Menschen zusammenkommen, um ein gemeinschaftliches, gelöstes Singen, ohne Angst vor falschen Tönen und das andere einen (heraus-)hören könnten, zu induzieren. Doch wie man diesen Effekt mit drei alten Frauen und einem verschnupften Pfarrer hinbekommen kann, da bin ich ehrlich überfragt.

Den Milieus, denen Orgelmusik fremd ist, näher zu kommen ist an sich ein lobenswertes Unterfangen. Doch glaube ich nicht, dass das mit selbstspielenden Orgeln allein zu bewerkstelligen ist. Höchstwahrscheinlich bemerken davon nur die Kirchgänger etwas, und von denen kann man nun wirklich nicht behaupten, dass sie keinen Kontakt zur Orgelmusik hätten. Wenn sie diese nicht schätzen, so ertragen sie sie zumindest. Diejenigen dagegen für Orgelmusik zu begeistern, die sich höchstens in eine Kirche verirren, schafft man glaube ich nicht mit selbstspielenden Orgeln, sondern meines Erachtens mit engagierten, authentischen und kompetenten Organisten, die auch mal Musik abseits der ausgetretenen Pfade live zur Darbietung bringen. Mit diesen Menschen kann man sogar ins Gespräch kommen. Zitat: "Boah, du spielst ja mit Händen und Füßen gleichzeitig! Wie schaffst du das?" Diese Leistung beeindruckt andere Menschen deutlich nachhaltiger als ein übergroßes Orchestrion und motiviert mögliche Nachahmer.

Sicher, das Motto war schon immer: Prüfe alles und bewahre das Gute. Doch für mich ist die Digitalisierung bis hin zum Selbstspielen der Orgel nicht wirklich etwas bewahrenswert Gutes.

Liebe Grüße aus Dresden

Konrad

Antworten