Spätromantische Disposition

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Ippenstein
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Spätromantische Disposition

Beitrag von Ippenstein » Samstag 3. August 2019, 13:19

Ich hatte nun die Gelegenheit, auf einer spätromantischen Orgel von Schmidt & Berger (Nachfolger von Kreutzbach) zu spielen und bin mir über die Disposition im Unklaren, weshalb das folgendermaßen gemacht wurde:

1. Manual
Bordun 16
Prinzipal 8
Hohlflöte 8
Gambe 8
Octave 4
Mixtur 3-fach

2. Manual
Geigenprinzipal 8
Gemshorn 8
Gedeckt 8
Äoline 8
Konzertflöte 4

Pedal
Subbaß 16
Violon 16
Gedecktbaß 16
Oktavbaß 8

Koppeln
II/Pedal
I/Pedal
II/I
Sub II/I
Super I/I (!)

Die Orgel geht tief in den Kirchturm hinein und hat wenig Schallfläche, weshalb dadurch das Pedal und das 2. Manual technisch und an Klangstärke weit hinter dem 1. Manual stehen. Mich irritieren die 4 Sechzehnfüße bei so einer kleinen Orgel sowie, daß im 2. Manual keine Zeichnung wie eine Fugara stehen, dafür aber das 1. Manual durch die Superkoppel unnötig laut wird und das 2. Manual vollends verdeckt, während eine Superkoppel II/I mehr Farbmöglichkeit gebracht hätte. Die Orgel soll 1890 gebaut worden sein. Während mich die Kreutzbach-Dispositionen (die ich kenne) begeistern, wirft mir diese Orgel eben die Fragen auf. Ich hätte mir für die Kirche unter den gegebenen Umständen folgende Disposition als sinnvoller erachtet:

1. Manual
Prinzipal 8
Gambe 8
Hohlflöte 8
Octave 4
Superoctave 2
Mixtur 3-fach

2. Manual
Geigenprinzipal 8
Gemshorn 8
Gedeckt 8
Konzertflöte 4
Fugara 4 (oder 2)

Pedal
Subbaß 16
Gedeckt 16
Oktavbaß 8
Violoncello 8

Koppeln
II/I
Super II/II
Super II/I
Sub II/I
II/Ped
I/Ped

kernspalter
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Re: Spätromantische Disposition

Beitrag von kernspalter » Sonntag 4. August 2019, 09:12

Ippenstein hat geschrieben:
Samstag 3. August 2019, 13:19
Die Orgel soll 1890 gebaut worden sein.
Das kann nicht sein. Mich haben die Superkoppeln stutzig gemacht, die eher für eine spätere Entstehung sprechen. Und tatsächlich lese ich nun, daß Richard Kreutzbach bis zu seinem Tod 1903 alleiniger Inhaber der Firma war. Vorher kann es eigentlich keine Orgel von Schmidt & Berger als Nachfolger Kreutzbachs gegeben haben.
Ippenstein hat geschrieben:
Samstag 3. August 2019, 13:19
Mich irritieren die 4 Sechzehnfüße bei so einer kleinen Orgel
Es sind ziemlich sicher nur drei; das Gedeckt 16' ist entweder eine Transmission des Bordun oder eine Windabschwächung des Subbasses.
Mit kernspalterischen Grüßen

kernbeißer
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Re: Spätromantische Disposition

Beitrag von kernbeißer » Montag 5. August 2019, 09:55

Nun es ist die Frage aus welch gesicherten Quellen deine Angaben zum Herstellungsjahr der Orgel stammen. Aussagen von Mesnern oder selbst Organisten sollte man nicht immer trauen, da diese oft gemutmaßt sind.

Im vorliegenden Fall würde ich auch eher eine Entstehung deutlich nach 1900 annehmen. Kreutzbach scheint eher unwahrscheinlich als Erbauer.

Die Orgel als gesamtes macht den Eindruck eines (original erhaltenen) pneumatischen Werks, die Disposition ist stimmig für eine Orgel in einer Dorfkirche die vor dem 1. Weltkrieg erbaut wurde.

Klanglich darf man Orgeln ja nicht nur vom Spieltisch aus beurteilen, wie klingt diese im Raum, wenn man die Koppeln dazu zieht?

kernbeißer
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Re: Spätromantische Disposition

Beitrag von kernbeißer » Montag 5. August 2019, 10:03

Nachtrag:

Im Orgelforum Sachsen findet sich folgender Eintrag zu Schmidt & Berger:
Karl Friedrich Wilhelm Schmidt

Karl Friedrich Wilhelm Schmidt und Friedrich Wilhelm Berger waren Orgelbauer in Borna bei Leipzig. Ihre Lebensdaten sind unbekannt, sie bezeichneten ihr Geschäft jedoch als „Kreutzbachs Nachfolger“. Grund dafür war, dass Richard Kreutzbach (1839- 1903) verstorben war. Ihre Tätigkeit reicht aber schon bis ins Jahr 1894 zurück – als die Firma Kreutzbach noch existierte – und dauerte bis mindestens Ende der 20er Jahre. Schmidt und Berger bauten pneumatische Orgeln mittlerer Größe.

Bibliographie: Fischer, Hermann: 100 Jahre Bund Deutscher Orgelbaumeister. 1891-1991 Festschrift. München: Orgelbau- Fachverlag Rensch 1991, S. 298
Nun aufgrund dieser Notiz scheint es nicht ganz unwahrscheinlich, dass dieses Unternehmen bereits um 1890 Orgeln unter eigenem Namen baute. Aber ob diese aus dieser Zeit stammt, kann ich nicht nachvollziehen, da ich da absolut keine Vergleichsmöglichkeit habe.

kernbeißer
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Re: Spätromantische Disposition

Beitrag von kernbeißer » Montag 5. August 2019, 10:08

Hier ist der Übergang von Kreutzbach zu Schmidt und Berger schön nachzulesen:

http://www.ziegelheim.de/orgel.html

kernbeißer
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Re: Spätromantische Disposition

Beitrag von kernbeißer » Montag 5. August 2019, 11:08

Noch ein Nachschlag zur Geschichte des Orgelbaus in Borna:

https://www.geschichteborna.de/borna/pe ... kreutzbach

kernbeißer
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Re: Spätromantische Disposition

Beitrag von kernbeißer » Montag 5. August 2019, 11:21


Ippenstein
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Re: Spätromantische Disposition

Beitrag von Ippenstein » Montag 5. August 2019, 14:39

Ich denke auch, daß die Orgel erst nach 1900 gebaut worden ist. Die Angabe stammt vom Pfarrer.
Vermutlich war der Gedecktbaß eine Transmission. Eine Windabschwächung war er nicht.
Ich denke nicht, daß sich die Klangstärke des ersten zum zweiten Manual im Kirchenraum verbessern wird.

Vielen Dank für die Links.

Viele Grüße

Ippenstein

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