Unvollständige Erstedition - Gründe, Ursachen

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Mundus
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Unvollständige Erstedition - Gründe, Ursachen

Beitrag von Mundus »

Ich freue mich immer, wenn neu entdeckte oder bisher nicht oder nur als Faksimile veröffentlichte Orgelmusik in einer für jedermann spielbaren Form herausgegeben wird und ich bin mir sicher, dass noch viele Schätze in den Bibliotheken und Archiven dieser Welt schlummern.

Jedoch empfinde ich es immer wieder als Wermutstropfen, wenn eine Quelle dann nicht voll "ausgeschlachtet" wird, wenn also durch den Herausgeber nur eine kleine Auswahl an Stücken veröffentlicht wird, statt einer vollumfänglichen Veröffentlichung (bspw. "Orgelbuch des Klosters St. Walburg zu Eichstätt um 1700" oder "Johann Caspar Kerll (1627-1693): Neun Orgelwerke: Toccaten, Präludien etc. (...) aus dem Neresheimer Orgelbuch", beide erschienen im Cornetto-Verlag).

Ich denke mir, dafür gibt es sicher viele Gründe. Der Arbeitsaufwand, Finanzielles, Zielgruppen usw. - all das wird eine Rolle spielen.
Aber ich denke trotzdem, dass sich Verlag und Herausgeber gerade wenn es um die Erstveröffentlichung von Orgelhandschriften geht, auch immer im Dienste der Wissenschaft sehen sollten. Und dabei spielt eben der persönliche Geschmack des verdienten (!) Herausgebers keine Rolle.

Wie seht ihr das?

Tonglockenterz
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Re: Unvollständige Erstedition - Gründe, Ursachen

Beitrag von Tonglockenterz »

Ich denke, dass es bei vielen Funden darum geht, zunächst einen Überblick zu bekommen.
Letztlich spielt häufig auch die Qualität eine Rolle, vieles ist zurecht vergessen und muss nicht um jeden Preis wieder hervorgeholt werden.
Möglicherweise ist das bei den Ausgaben genauso. Der Herausgeber hat die besseren Stücke ediert, die nicht so gelungenen eben nicht.
Schöne Grüße

Mundus
Beiträge: 88
Registriert: Sonntag 27. April 2014, 20:12

Re: Unvollständige Erstedition - Gründe, Ursachen

Beitrag von Mundus »

Tonglockenterz hat geschrieben:
Dienstag 7. Januar 2020, 22:29
Ich denke, dass es bei vielen Funden darum geht, zunächst einen Überblick zu bekommen.
Letztlich spielt häufig auch die Qualität eine Rolle, vieles ist zurecht vergessen und muss nicht um jeden Preis wieder hervorgeholt werden.
Naja das ist ja genau das. Ich finde nicht, dass es Aufgabe eines Herausgebers ist, die Stücke qualitativ zu beurteilen. Das würde ich gern selbst tun. So sieht man ja alles nur verengt durch die paar Stücke, die es eben geschafft haben, das ist für mich gerade kein Überblick.

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Re: Unvollständige Erstedition - Gründe, Ursachen

Beitrag von Administrator »

Hallo Mundus,
hast Du ein akutes Beispiel? Wie kommst Du auf das Thema?

Manchmal sind alte Werke auch nur in Teilen lesbar oder rekonstruierbar. Aber auch wenn der Markt vielleicht nicht immer willig ist, stimme ich mit Dir überein, dass möglichst komplette Ausgaben geschaffen werden sollten. Wie Du schriebst: Im Dienst der Wissenschaft (oder Kultur).
Auf der anderen Seite müssen Verlage natürlich auch an die Kosten denken. Und mehr Seiten = meist höherer Preis.
Herzliche Grüße

Daniel
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Tonglockenterz
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Re: Unvollständige Erstedition - Gründe, Ursachen

Beitrag von Tonglockenterz »

Der Herausgeber muss eine Entscheidung treffen. Entweder die guten Stücke auswählen oder gar nicht veröffentlichen.
Als Beispiel, Siegbert Rampe hat von den 25 Orgelstücken JT Roemhilds die drei oder vier interessanten Stücke veröffentlicht, der Rest ist, mit Verlaub, nicht gut und sollte besser im Archiv bleiben. (ich habe die Stücke vorliegen).
Wer eine komplette Edition haben will, sollte sich an Gesamtausgaben halten, oder selber in Bibliotheken stöbern.
Nimm z.B. die Puccini Orgelwerke bei Carus, eine Auswahl, die wirklich ausreichend ist um den Stil kennenzulernen, ist als relativ preisgünstige Edition zu haben. Alle anderen Stücke gibt es in der Puccini GA.

Mundus
Beiträge: 88
Registriert: Sonntag 27. April 2014, 20:12

Re: Unvollständige Erstedition - Gründe, Ursachen

Beitrag von Mundus »

Administrator hat geschrieben:
Mittwoch 8. Januar 2020, 15:53
Hallo Mundus,
hast Du ein akutes Beispiel? Wie kommst Du auf das Thema?
Naja mir tut es immer ein wenig weh, wenn ich Sammelalben, wie zum Beispiel die oben erwähnten, in Händen halte und dann aber denken muss, dass das nur ein kleiner Ausschnitt ist. Natürlich überwiegt bei mir immer die Freude, dass sich jemand die Mühe gemacht hat, Musik, die kaum zugänglich ist, für quasi jeden verfügbar zu machen. Aber ein bisschen schade finde ich es dann eben doch.
Administrator hat geschrieben:
Mittwoch 8. Januar 2020, 15:53
Manchmal sind alte Werke auch nur in Teilen lesbar oder rekonstruierbar. Aber auch wenn der Markt vielleicht nicht immer willig ist, stimme ich mit Dir überein, dass möglichst komplette Ausgaben geschaffen werden sollten. Wie Du schriebst: Im Dienst der Wissenschaft (oder Kultur).
Auf der anderen Seite müssen Verlage natürlich auch an die Kosten denken. Und mehr Seiten = meist höherer Preis.
Ja aber dann veröffentlicht man eben nur das, was man lesen oder rekonstruieren kann, das ist völlig verständlich. Um das Ausmaß abzuschätzen, wie viel von einer Quelle nicht lesbar war, wäre manchmal auch ein kritischer Bericht ganz schön. Bei den großen Verlagen ist der ja in der Regel auch dabei.
Und sicher, das mit dem Preis versteh ich auch. Ich denke auch, dass das der Hauptgrund sein wird, dass man nur eine kleine Auswahl veröffentlicht.
Tonglockenterz hat geschrieben:
Montag 13. Januar 2020, 12:44
Der Herausgeber muss eine Entscheidung treffen. Entweder die guten Stücke auswählen oder gar nicht veröffentlichen.
Als Beispiel, Siegbert Rampe hat von den 25 Orgelstücken JT Roemhilds die drei oder vier interessanten Stücke veröffentlicht, der Rest ist, mit Verlaub, nicht gut und sollte besser im Archiv bleiben. (ich habe die Stücke vorliegen).
Wer eine komplette Edition haben will, sollte sich an Gesamtausgaben halten, oder selber in Bibliotheken stöbern.
Nimm z.B. die Puccini Orgelwerke bei Carus, eine Auswahl, die wirklich ausreichend ist um den Stil kennenzulernen, ist als relativ preisgünstige Edition zu haben. Alle anderen Stücke gibt es in der Puccini GA.
Ja, wie oben gesagt, versteh ich es ja, dass der Preis eine große Rolle spielt.
Aber ich bin da eben etwas kritisch, bei der Erschließung von Quellen nach Geschmack zu urteilen. Ob ein Stück gut ist oder nicht, das sollte doch jeder selbst für sich beurteilen.
Ich denke auch, dass es nicht zuletzt am Urteilen nach Geschmack lag, dass z.B. die süddeutsche Orgelmusik lange - bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg - viel schlechter erforscht war als die mittel- oder norddeutsche.

Axel
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Re: Unvollständige Erstedition - Gründe, Ursachen

Beitrag von Axel »

Na, ich habe relativ viel an originalen Drucken und Abschriften süddeutscher Orgelmusik gesehen. Es gibt sehr schöne Sachen...und viel belangloses Zeug. Und ganz oft ist es einfach offensichtlich, dass ein Stück schwach ist. Und dann ist es tatsächlich eine Kostenfrage: Welcher Verlag tut sich das an? Die meisten Kirchenmusikverlage sind in der Versenkung verschwunden und mit alter Musik ist kaum etwas zu verdienen seit IMSLP. Da bringe ich doch lieber das gute Drittel einer Sammlung heraus, als mich mit einer Menge Kram zu belasten, der den Käufer schon beim Durchblättern abschreckt.

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