Seite 1 von 1

Wie war das bei euch am Anfang?

Verfasst: Dienstag 8. September 2020, 23:59
von Christian_Hofmann
Ich möchte mal ein Thema aufgreifen das unter Musikern leider sehr selten angesprochen wird. Wenn man selbst andere erfahrene Orgelspieler anschaut die scheinbar mühelos und ohne nachdenken zu müssen die wildesten Dinge spielen, dann möchte man ja meinen das man selbst irgendwie unfähig ist :D

Dies ist ja auch das Bild was man immer vor sich hat, jedoch ist klar das niemand sofort ein Meister an der Orgel war sondern es sich mühsam erarbeiten musste. Daher würde ich gerne mal von euch erfahren wie ihr überhaupt zur Orgel gekommen seid und was so eure großen Probleme auf dem Weg waren.

Ich fange mal an. Ich habe ja erst vor etwas über einem Jahr spontan beschlossen Orgel spielen zu lernen, so nach dem Motto das Instrument finde ich toll und ich will das auch können. Meine Voraussetzungen waren denkbar schlecht. Notenlesen konnte ich nicht, irgendein Instrument habe ich noch nie gespielt. Ich hatte also die denkbar schlechtesten Startbedingungen. Im Selbststudium habe ich mit also das erste halbe Jahr alles selber beigebracht, alle paar Tage als die Hände nicht das machen wollten was sie sollten habe ich die Idee immer hinterfragt. Als dann das Pedal dazu kam und ich überhaupt nicht zurecht kam dachte ich mir "Das wird doch nichts, dass schaffst du nie". Aber dann habe ich immer weiter geübt und irgendwann klappte es ganz langsam, dann immer schneller. Dann kam die nächste Herausforderung und alles wieder von vornen.

Inzwischen spiele ich etwas über ein Jahr und unser Kantor hat mich als Schüler angenommen da er bei mir scheinbar Potential sieht. Improvisation ist so mein Lieblingsthema und das kann ich inzwischen sehr gut. Nur diese ganzen Dinge wie Harmonisieren, Tonleitern und und und ist natürlich mühsam. Gefühlt trete ich auf der Stelle seit Monaten, objektiv betrachtet ist es aber nicht so. Wenn ich schaue das ich einfach mal so ein Lied harmonisieren kann in einer einfachen Tonart dann zeigt es ja dass es vorwärts geht. Aber man hat natürlich immer den Anspruch noch etwas mehr zu können als aktuell möglich ist.

Auf der einen Seite macht es unheimlich Spaß zu spielen und diese Momente wo die Musik einfach scheinbar Mühelos erklingt sind wirklich toll, gleichzeitig ist es stellenweise aber extrem Mühsam und frustrierend wieder etwas neues zu erarbeiten. War das bei euch auch so? Ich würde meine Beziehung zur Orgel als Hassliebe bezeichnen :lol: oder als Beziehungsstatus bei Facebook "Es ist kompliziert"

Re: Wie war das bei euch am Anfang?

Verfasst: Mittwoch 9. September 2020, 09:41
von Dorforganistin
Ich kam als Pianistin zur Orgel; die Finger waren also nicht das Problem. :wink:
Ehrlich gesagt kann ich gar nicht genau sagen, wann es im Hirn "klick" gemacht hat und das Pedalspiel sowohl bei Chorälen als auch bei freien Werken eine Selbstverständlichkeit wurde, aber es hat "klick" gemacht. Insofern würde ich sagen, dass man mit Geduld, vernünftiger Übestrategie und dem Vertrauen auf das "klick" schon ans Ziel kommt.
Wobei "Ziel" immer relativ ist. Man lernt an der Orgel meiner Meinung nach nie aus, es gibt immer wieder etwas zu entdecken. Und man muss sich auch nicht unbedingt mit den "Großen" messen oder vergleichen. Wenn ich heute beim Üben besser bin als ich es gestern war, habe ich etwas erreicht. Das ist es, was zählt.
Manchmal hilft es auch, ein Stück mal für eine Zeit wegzulegen und später wieder in die Hand zu nehmen.

Re: Wie war das bei euch am Anfang?

Verfasst: Donnerstag 10. September 2020, 10:06
von kernspalter
Ich bin mit ziemlich bescheidener Klaviertechnik, aber ordentlichem Vom-Blatt-Spiel-Level zur Orgel gekommen, zunächst ohne richtigen Lehrer. Das war sehr mühsam und frustrierend. Dann habe ich einen genialen Lehrer erwischt, mit dem ging es ziemlich schnell vorwärts. Auf sein Anraten hin habe ich auch wieder Klavierunterricht genommen, um meine Klaviertechnik auf einen besseren Stand zu bringen.

Re: Wie war das bei euch am Anfang?

Verfasst: Donnerstag 10. September 2020, 14:55
von Christian_Hofmann
kernspalter hat geschrieben: Donnerstag 10. September 2020, 10:06 Ich bin mit ziemlich bescheidener Klaviertechnik, aber ordentlichem Vom-Blatt-Spiel-Level zur Orgel gekommen, zunächst ohne richtigen Lehrer. Das war sehr mühsam und frustrierend. Dann habe ich einen genialen Lehrer erwischt, mit dem ging es ziemlich schnell vorwärts.
Ich glaube tatsächlich das die Orgel viel Eigeninitiative erfordert. Im Vergleich zu vielen anderen Instrumenten die man wunderbar nur in einem Unterricht lernen kann ist es hier doch etwas anders. Auf der einen Seite braucht man schon einen fähigen Lehrer der einem die Grundlagen beibringt, gleichzeitig lernt man (bzw. ich) am meisten außerhalb der Lehrstunden. Ich kenne es so das während dem Unterricht mir Dinge vermittelt werden wie sie technisch funktionieren. Dann probiere ich die Tage danach an verschiedenen Orgeln das ganz aus wie es sich nutzen lässt und wie man es nicht nutzen sollte. Aber es ist ja nicht nur die Technik, es ist ja schön wenn ich etwas technisch einwandfrei beherrsche und es sich an einer Orgel gut anhört. Nur kann es eben durchaus sein das es sich an einer anderen Orgel korrekt gespielt nicht gut anhört. Ich glaube dass ist tatsächlich das schwerste beim Orgelspiel, an verschiedenen Instrumenten gut spielen zu können. Ein Klavier oder Posaune ist ja erst einmal überall gleich. Aber jede Orgel und der Raum haben so unterschiedliche Besonderheiten die es teilweise zu einem Abenteuer machen etwas zu spielen :D

Re: Wie war das bei euch am Anfang?

Verfasst: Freitag 11. September 2020, 08:34
von Dorforganistin
Auch am Klavier kommt man nicht besonders weit, wenn man nur die Unterrichtsstunde nutzt. Und Klaviere sind unterschiedlicher als man denkt. Einfach dran setzen und es klingt sofort toll gelingt auch nur wenigen Pianist:innen.
Das nur am Rande.

Je häufiger man die Gelegenheit hat, auf unterschiedlichen Orgeln zu spielen, desto eher kommt man an den Punkt, wo es sich schnell auch "gut" anhört, selbst wenn man die Orgel noch nicht lange kennt. Wichtig ist halt, sich nicht einfach darauf zu verlassen, dass man mit 8'-4'-2' plus 16' im Pedal auf jeden Fall einen "passenden" Klang erzielt, sondern die Ohren aufzusperren und auch während des Spiels immer wieder zu horchen, wie der Raum mitklingt.

Re: Wie war das bei euch am Anfang?

Verfasst: Sonntag 27. September 2020, 21:54
von Ronald Henrici
Ein Satz, der sich am Ende eines Aufsatzes von Albert Schweitzer befand, hat sich bis zum heutigen Tag bewahrheitet!
:D " Orgelspielen heißt: Einen
mit dem Schauen der Ewigkeit
erfüllten Willen
offenbaren.
(Ch. M. Widor)
Dieser Satz ist nach langjährigem Tun in seiner Wahrheit in meinem Bewusstsein verankert und verdient es, als Maxime des Handelns und Spielens mein Leben lang zu begleiten.
Die Anfänge - um die gestellte Frage zu beantworten - waren damals zeitgemäß bedingt so einfach wie auch kompliziert. Es begann mit Musik und Notenlesen - verbunden mit gängigen Volksliedern - im 2. Schuljahr im Jahr 1947 bei einer Volksschullehrerin, die zu Hause ein Klavier hatte. Aber um an das Klavier zu kommen und die Anleitung durch die Lehrerin zu genießen, ging es mit dem Wandern zu den Instrumenten los... das Wandern zu den Orgeln hat bis heute noch nicht aufgehört. Wieso Wandern zum Klavier, um Volksliedmelodien nach Noten zu spielen? Nun, die Lehrerin wohnte im Nachbardorf, drei Kilometer weg. Nach eineinhalb Jahren war es mit dem Klavier und der Lehrerin auch nicht mehr, weil die Lehrerin an einer anderen Schule tätig wurde mit größerer Entfernung meines Wohndorfes. Sie vermittelte mich an den Organisten des anderen Nachbardorfes, der mir dann Harmonielehre beibrachte mittels katholischer Kirchenlieder. Wo ich dann diese "Harmonielehre" bedingten Liedbegleitungen üben konnte, interessierte ihn gar nicht, so ging ich dann einmal in der Woche an ein Klavier, das im Wohnzimmer eines im Dorf befindlichen Busunternehmers stand, dessen Töchter Klavierunterricht hatten, und auch Noten mit Werken von Mozart und Bach. Also wieder Wanderung zu einem Klavier...bis dann Ende 1948 meine Mutter ein Klavier aus amerikanischen Armeebeständen geschenkt bekam. Dieses Klavier hat mich allerdings bis 1977 ständig begleitet, d.h. das Klavier ist dabei mit mir gewandert. Als ich dann mit dem Klavier im Jahr 1952 in Köln landete, habe ich erst einmal Klavierunterricht bei einem Gelegenheits - Pianisten bekommen, aber nicht lange. Denn nach einem halben Jahr ging das Wandern in Köln los, einmal täglich zum Gymnasium und wöchentlich einmal zu einem Pianisten des Westdeutschen Rundfunks in einem anderen Stadtteil...
Zugleich kam die Evangelische Kirchengemeinde ins Spiel, nachdem ich im Gymnasium den Musiklehrer in den Pausen am Flügel im Musiksaal ständig genervt habe mit meinen Harmonielehre - Kenntnissen und improvisatorisch behandelten Volksliedern und Chorälen.
In der Kirchengemeinde fand ich eine Orgel vor, die aus noch vorhandenen Teilen der im Krieg zerstörten Orgel zusammengezimmert war. Immerhin im ersten Manual: Principal 8, Gemshorn 8, Oktave 4, Nachthorn 2, Mixtur 1 1/3, Pedal Subbass 16, Oktavbass 8, Gedecktbass 8. Da konnte ich dann üben sonntags nachmittags für 30 Pfennig Benutzungsgebühren pro Stunde. Dem Organisten musste ich dann in Abständen von 2 - 3 Monaten vorspielen, welche Choräle ich dann mit Bass im Pedal geübt habe. Ich erinnere noch sehr genau: der erste Choral war das Weihnachtslied "Es ist ein Ros entsprungen"...Seitdem ging meine Wanderschaft zu den Orgeln los, zunächst in Köln in katholischen und evangelischen Kirchen...Bis ich dann offiziell ab Januar 1954 in die organistische Begleitung der Schulgottesdienst ins kalte Wasser hineingeworfen wurde, an eine erhaltene Orgel aus dem Jahr 1933 mit II/P/19, elektrisch gesteuerte Kegelladen. Jetzt ging es mit Improvisationen zum Eingang der Gottesdienste und zum Ausgang der Gottesdienste und Choralvorspielen und Intonationen erst richtig los. Und wie kam ich an diese Orgel? Wieder auf Wanderschaft durch Köln, allerdings meist mit Fahrrad, das mir dann auch noch während einer Katholischen Messe in einem anderen Stadtteil gestohlen wurde. Also wieder per Pedes unterwegs und nicht wie bei den Orgeln per Pedale. Ab 1960 gab es dann auch die Orgel in der Karthäuserkirche Köln mit IV/P/55. Wieder mit Wandern dorthin verbunden...aber ein erster Höhepunkt des autark erlernten Orgelspiels.
Heute sind es an die tausend Orgeln in der Bundesrepublik Deutschland, große und kleine Instrumente, an A-Stellen genauso wie an B- oder C-Stellen. Das entspricht ganz dem Satz der bei Albert Schweitzer überliefert ist.
Mit besten Grüßen
Ronald