Henri-Franck Beaupérin in St. Lambertus, D-Altstadt

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Clemens Schäfer
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Henri-Franck Beaupérin in St. Lambertus, D-Altstadt

Beitrag von Clemens Schäfer » Dienstag 7. November 2017, 15:35

Hallo Forum,

Internationale Orgelkonzerte an St. Lambertus, Düsseldorf, Altstadt; Novemberkonzert mit Henri-Franck Beaupérin. Zugleich das allerletzte Konzert des 12. ido.

Es gab zwei Werke: Zuerst BWV 768, Sei gegrüßet, Jesu gütig, danach Bilder einer Ausstellung (Orgelbearbeitung nach Mussorgsky).

Wer gedacht hatte, der Bach sei nur ein kurzes Vorspiel zum Hauptwerk des Abends, wurde angenehm enttäuscht. Nicht nur ist diese Choralpartita ein umfängliches Stück. Sie wurde von Beaupérin auch sehr ernst genommen und sorgfältig durchstrukturiert. Der fast regelmäßige Wechsel der Variationen zwischen Chor- und Hauptorgel, die feinsinnige Registerwahl, die stimmigen Tempi - das alles ließ das Interesse wach bleiben. Besonders schön geriet die vorletzte Variation, bei der Beaupérin dichte Registrierung mit Durchhörbarkeit zu vereinen wußte. Kein Wunder, daß es nach dieser grandiosen Darbietung Zwischenapplaus aus der gänzlich voll besetzten Kirche gab.

Im Abstand von zwei Tagen Tableaux d’une exposition. Am Samstag hatte ich das Werk in der kongenialen Orchesterbearbeitung von Ravel gehört. Die NDR-Radiophilharmonie Hannover unter Tan Dun war zu Gast. Nun also für die Orgel. Über den Bearbeiter schwieg sich das Programmblatt aus. Dem Vernehmen nach war es weder Guillou noch Blarr. Offenbar hatte Beaupérin selbst bearbeitet. Seine Biografie weist ihn denn auch als fleißigen Bearbeiter aus.

Was wir hier zu hören bekamen war schlicht großartig und ließ die Aufführung von Samstag weit hinter sich. Wie erklärt man dem fünfjährigen Clemens, was ein Gnom ist? Mein Vater hatte da keine Scheu, dieses Wesen als häßlich, verwachsen, hinkend, torkelnd etc. darzustellen. Da konnte man als Kind schon etwas Angst bekommen. Offenbar war Beaupérin hatte auch einen solchen Vater. Jedenfalls stellte er den Gnom scharf konturiert, drastisch und mit einer Portion Tragik dar. Da hatten die Musiker in der Tonhalle nur ein Kuscheltier zu bieten.

Herrlich war die Führungsstimme im Alten Schloß, das da verwunschen im Nebel liegt. Ein Saxophon (Lesart Ravel) hat die Orgel zwar nicht, aber so muß man Mussorgsky ja auch nicht unbedingt hören. Die schwer arbeitenden ebenso schweren Ochsen mühten sich langsam voran, machten im Vorüberziehen aber mächtigen Eindruck. Pittoresk gerieten die Küken in ihren Eierschalen. Groß trumpfte Samuel Goldenberg auf, während der lästige Bittsteller Schmyle auf der dritten Triolenzeit prallerte (sehr fein aus der Chororgel). Das quirlige Treiben auf dem Markt zu Limoges war gut eigefangen. Hart und scharf ging es in die Catacombae, Sepulcrum Romanae. Zart dann promenierend cum mortuis in lingua mortua. Die Hütte der russischen Hexe auf Hühnerfüßen war mir als Kind stets gruselig. Da war ich froh, wenn das große Tor zu Kiew erreicht war, mit Glocken und Prozessionen. Vor diesen grandiosen Schluß hatte auch Beaupérin die Baba Jaga drastisch inszeniert, der Übergang ins Tor war so etwas wie eine helle Überblendung (also keine Generalpause, die hier zur Steigerung der Erwartung gerne gemacht wird, von den Hannoveranern aber auch nicht gehalten wurde).

Die ganze Darstellung war klanglich offenbar bis in die letzte Phrase ausgetüftelt. Ständig wechselten die Registerkombinationen (Beaupérin spielte am einsehbaren Generalspieltisch schräg hinter dem Zelebrationsaltar). Baupreis nutze die unzähligen Möglichkeiten dieses vorzüglichen Instruments (Rieger 1999/2004) voll aus. Er hatte sich damit offenbar bestens vertraut gemacht.

Der Nachhall wurde nur knapp abgewartet, dann setzte der Beifall ein. Standing Ovations. Eine Impro als Zugabe. Ein großer Abend.

Gruß Clemens Schäfer

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